Als die Flut kam Kapitel I des Romans Sommerröte von Isabelle Dreher

Als die Flut kam – Sommerröte

Joa hatte es ihr beigebracht: nicht zu verurteilen. Niemanden. Auch sich selbst nicht. Er führte sie an Orte, die sie ohne ihn nie gefunden hätte. Orte in ihrem Inneren, zu denen die Türen Zeit ihres Lebens verschlossen gewesen waren. Wie eine Flüchtende war sie bis zu ihm durch ihr Leben gehetzt. Immer auf der Suche nach einem sicheren Platz für sich, ihr Leben und das ihrer Kinder. Das Leben, das sie in einen Sarg gestopft hatte wie all die Empfindungen, an die sie sich nicht mehr erinnern wollte. Bis Joa in ihr Leben trat. In etwas, an dem sie verzweifelt festhielt, ohne loslassen zu können. Joa kam lautlos. Sie bemerkte ihn fast nicht.

In dem Moment, in dem Helena die Terrassentür splittern hörte, rannte sie in panischer Angst um ihre Kinder herunter. Schweißperlen umspülten ihren Körper, ihr Herz raste und dann stand sie vor ihm. Einem jungen Mann, gutaussehend, muskulös, dunkelhaarig. Jemand von dem Schlag, den sie mit leiser Verachtung gestraft hatte, wenn er ihr vor den Einkaufsläden ein Lächeln geschenkt und „Hallo“ gesagt hatte. Dieser hier sagte nicht „Hallo“, sondern schlug sofort zu. Helenas Gedanken zersplitterten im selben Augenblick. Sie sah tausend Sterne, als sie zu Boden glitt. Der Schmerz war unbeschreiblich. Ihr war, als wäre ihre Körpermitte zerbrochen und in tausend Einzelteile zerborsten. In diesem Augenblick, in dem sie sich dem Tod näher fühlte als allem, was sie jemals erlebt hatte, kam es ihr so vor, als würde ihre Schädeldecke oben gesprengt und sähe sie das Licht, von dem so viele sprachen, wenn sie meinten, ins Jenseits zu wechseln. Für einen kurzen Augenblick war Helena, als sähe sie eine Gestalt in gleißendes Licht wie pures Gold getaucht, jemanden, der in ein weißes Leinentuch gewickelt war und zu ihr sagte:Atme.“

Es kam ihr vor, als würde der Mann seine Arme um sie legen und sie trösten. Es war, als sei ihre ‚innere Stimme‘ zu einem Tosen angeschwollen, das nur noch eines von ihr verlangte: ihrem Herzmuskel zu befehlen, beweg dich, du kannst dich jetzt nicht ausruhen, fülle meinen Körper mit Sauerstoff, sonst bin ich verloren.

Dann kam die Welle. Alles spulte sich vor ihren inneren Augen ab, was bis dahin Bedeutung gehabt hatte. Ihre Geburt, ihre ersten Schritte, Kindergarten, Einschulung, Urlaub in Italien, erster Fechtkurs, Abiturfeier, Hochzeit, Hauskauf, Geburt der Kinder, deren Einschulung usw. Und dann vermischte sich alles wie in einem tosenden Meer, das weder Anfang noch Ende kannte. Ihr Körper ruckelte, sie spürte jeden einzelnen Knochen, der in ihr war, und wie sich alles verschob. Sämtliches in ihr wurde durchgeknackt. Im letzten Augenblick, ehe sie ihr Bewusstsein verlor, dachte sie an ihre 13-jährige Tochter Sophie, wie sie zur Aufführung beim Breakdance ‚Die Welle‘ gemacht hatte. Ihr schien es eher wie eine Flut, die einmal durch sie hindurch rammte, um sie hernach unsanft auf den Boden zu schleudern, von dem sie nicht mehr würde allein aufstehen können. Es war ein schöner Boden, Holz. Warmes, durch Fußbodenheizung erwärmtes, helles Ahornholz, lackiert. Sie sah noch die Summe, die sie dem Handwerker für das ganze Haus überwiesen hatten: ein Kleinwagen. Dann wurde es schwarz in ihr.

Als Helena wieder zu sich kam, standen ihre drei Kinder zitternd um sie herum. Alles, was sie wahrnahm, waren ihre Augen, blau, grün, dunkelbraun, die so groß waren wie dunkle Krater in der Erdoberfläche. Sie meinte, ihre in kalte Angst eingetauchten Rufe zu hören, die nach ihr schrien, immer wieder: „Mami, Mami“. Doch die Kinder waren vom Schock so gelähmt, dass sie kein Wort herausbrachten. Bevor Helena in den Notarztwagen geschoben wurde, sah sie im Augenwinkel Sandra, die Nachbarin, die ihr zunickte und ihr bedeutete, sie würde sich um die Kinder kümmern. Sandra und ihr Mann Thomas mussten auch die Polizei benachrichtigt haben, die bereits die Einbruchspuren untersuchte und eine Psychologin für die Kids angefordert hatte.

Mit Sirenengeheul wurde Helena eingeliefert. Das Notarztteam übergab sie dem Chirurgen, der ihr Fragen stellte, die sie nicht verstand, aber mechanisch beantwortete. Innerhalb von wenigen Minuten war sie an verschiedene Kanülen und Geräte angeschlossen. Dann verlor sie erneut das Bewusstsein. Es war, als glitte sie in einen Traum, in dem es keine Zeit gab. Weder Vergangenheit noch  Zukunft. Alles war still und lief wie in Zeitlupe ab. Sie sah, wie sich eine Pforte zu einem Garten öffnete. Ohne zu zögern trat sie ein. Dort war Musik, himmlische Musik, hell und klar. In dem Garten plätscherte ein Brunnen, die Blütenpracht war unbeschreiblich. Wieder trat der Mann in Weiß auf sie zu und hieß sie willkommen. Dankbar erwiderte sie sein Lächeln und bestaunte die Umgebung. Am Horizont lag eine Bergkulisse von atemberaubender Schönheit.

„Du bist sicher hier, Helena“, sagte der Mann und griff nach ihrer Hand. „Komm, ich zeige dir alles.“

Wie auf Watte lief Helena hinter ihm her. Er führte sie zu einem Haus mit hellblauen Fensterläden und einer ebenfalls geöffneten Tür. Zögerlich trat sie ein. Der Eingangsbereich war weiträumig und hell. An der Wand stand eine Anrichte mit einem großen Spiegel. Sie konnte sich sehen – als Kind. Rechts und links davon gingen weiß getünchte Türen ab, an der Seite führte eine große Wendeltreppe nach oben. Aufmunternd nickte ihr der Mann zu und lief voran. Sie hielt sich an dem goldenen Geländer fest und schaute auf die Bilder, die die Treppe säumten. Bilder aus ihrer Kindheit. Als sie auf der ersten Etage angekommen war, erkannte Helena, wo sie war. Im Haus ihrer Großeltern. Das Schlafzimmer am Ende des Flures war ihr Zimmer. Vorsichtig trat sie ein. An die Wand war ihr Skateboard gelehnt, daneben stand das Surfbrett. Auf dem Regal neben der Tür waren einige ihrer Fechttrophäen aufgereiht. Das Bett unter dem Fenster zum Garten war mit ihrer Lieblingsbettwäsche bezogen: weiß-rosa Karos mit feinen farbigen Streifen abgesetzt. Am Kopfende entdeckte sie ihr erstes Florett.

Mit weit aufgerissenen Augen lief sie darauf zu und hielt es hoch.

„Dein Großvater hat es dir geschenkt als du zehn warst“, lächelte der Mann.

Helena lachte hell auf.

„Ja, meine Mutter wollte das nicht und schimpfte mit ihm, aber ich nahm es und forderte meinen Großvater zum ersten Duell meines Lebens heraus. Es dauerte noch eine Weile, bis ich endlich in den ersten Kurs kam. Das war eine schöne Zeit“, lächelte Helena und schaute den Mann dankbar an.

„Weißt du noch, warum du so oft hier warst?“, fragte er.

Sie blickte zu Boden, auf die Holzfaserungen, die vielen Verästelungen und Verzweigungen.

„Ich erinnere mich nicht mehr“, gab sie zurück und sah in seine Augen.

Ihr war, als versänke sie in einem Meer aus unheimlichen Gefühlen, die sie umspülten.

„Du warst mal einen ganzen Sommer hier“, sagte er.

Sie konnte sich nicht von seinem Blick lösen.

„Es hat lange gedauert, bis dein Arm wieder in Ordnung war und die Prellungen zurückgingen“, ergänzte er.

Helena musste augenblicklich schlucken.

„Meine Mutter hatte Angst, dass mich mein Vater totschlägt“, flüsterte sie.

Als ihre Tränen zu fließen begannen, nahm er sie behutsam in den Arm.

„Du bist sicher hier“, wiederholte er und wog sie sanft an seinem Körper.

Nach einer Weile löste er die Umarmung.

„Du musst zurück, sie warten auf dich“, sagte er leise.

Helena nickte. Dann wachte sie auf.

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