Kapitel Wahre Größe sieht man nicht von außen GoldenTor-Geschichte von Isabelle Dreher

Wahre Größe sieht man nicht von außen – Königskind

Nachdem sich Toni von allem ein wenig erholt hatte, machte sie sich auf den Weg zum Essensaal. Doch noch ehe sie dort eintraf, sah sie wenige Meter von sich entfernt einen Jungen, der sich ratlos umschaute.

„Hallo, wer bist du denn?“, fragte Toni lächelnd.

„Ich bin Linus“, antwortete er höflich und streckte Toni wohlerzogen seine Hand hin.

„Freut mich“, schüttelte Toni formvollendet die Hand des Jungen, auch wenn sie auf Erden derzeit angehalten wurden, angesichts eines tödlichen Virus jeden Körperkontakt zu vermeiden.

Das allerdings war hier oben ebenso aufgelöst wie vieles andere, da es Bedrohung in Form von Krankheit oder Gebundenheit an diesem Ort nicht gab. Oder zumindest nur so lange, bis das Menschenkind erkennen konnte, dass Bedrohungen oft genug nichts anderes als Einschüchterungsversuche waren.

„Und woher kommst du?“, fragte Toni, um den Gesprächsfaden mit dem schüchternen Jungen, der überaus hübsch war, nicht abreißen zu lassen.

Etwas unsicher blickte der Junge Toni an und schwieg erst einmal. Normalerweise, wenn er etwas so sagte, wie er es empfand, lachten die anderen über ihn. Das kannte Toni nur zu gut, schließlich hatte sie das oft genug selbst erfahren, warum sie es bei Linus sofort erkennen konnte.

„Darf ich dir etwas sagen?“, übernahm Toni, denn es war hier oben ohnehin unerheblich, woher jemand kam.

Lächelnd musterte Linus das Mädchen. Toni war frech und keck, das gefiel ihm. Außerdem war sie sehr hübsch, mit ihren strahlenden Sonnenhaaren und den Grübchen neben den Mundwinkeln, die sie ein wenig spitzbügig aussehen ließen. Zumindest konnte sich Linus gut vorstellen, dass man mit Toni Abenteuer erleben konnte, einer der Gründe, warum er an diesen Ort getreten war. Zunächst zwar nur in Gedanken, aber immerhin.

„Okay“, nickte Linus, denn auch er brauchte nicht lange zu überlegen, um seine Entscheidungen zu treffen.

Etwas, was seine Umwelt oft genug befremdlich fand. Wie sicher er in seinen Entscheidungen stand, was unter anderem mit seiner besonderen Wahrnehmung zusammenhing.

Normalerweise schloss Toni ihre Augen, bevor sie über anderen aussprach, um besser sehen zu können. Also das, was verborgen in Menschen oder Kindern lag. Doch diesmal konnte sie nicht anders, als den Jungen, der wie aus dem Nichts vor ihr aufgetaucht war, anzublicken. Obwohl der Junge sehr jung war, wirkte er auf Toni sehr reif. Intuitiv erkannte sie, mit wem sie es zu tun hatte.

„Du bist ein Königskind, Linus, auch wenn du das noch nicht so genau weißt, weil andere dir etwas anderes gesagt und so auch vermittelt haben“, setzte sie in gewohnter Weise an. „Aber sie sagen das nicht, weil es einer übergeordneten Wahrheit über dich entspricht, sondern weil sie es vielleicht nicht gewohnt sind oder gelernt haben, manches klar und deutlich zu sehen. Alles an dir wirkt königlich. Dein Haar ist dicht und von schöner Farbe, wie bei einem Prinzen aus einem anderen Reich. Einem Reich, das andere vielleicht nicht so direkt sehen können, auch, weil das noch verborgen in dir liegt.“

Aufmerksam blickte Linus das Mädchen an. Da auch er sehr schnell war, und das oft schneller als alle anderen in seiner Umgebung, fragte er sich in diesem Augenblick, was genau sie mit dem verborgenen Reich meinte.

„Wenn du jemanden anschaust, dann siehst du oft so viel mehr als das, was offensichtlich ist“, nickte Toni dem Jungen zu, der sich vor ihren Augen gerade zu verändern schien.

An was sie sich gewöhnen würde, denn wenn Gott Vater Toni jemanden in den Lichtkegel seines Glanzes stellte, veränderte sich dieser und nahm eine Gestalt an, wie Gott Vater ihn geplant und geformt hatte.

„Du bist reich gesegnet, aber man sieht das noch nicht“, fuhr Toni fort und überlegte, ihre Augen doch zu schließen, um besser sehen zu können.

Da sie fürchtete, er könne dann verschwinden, machte sie einfach weiter.

„Du hast ein unendlich schönes Herz“, äußerte sie, sah aber auch, dass dieses Herz einiges hatte erleiden und durchmachen müssen.

Noch bevor Linus geboren worden war, war er Erschütterungen und Unsicherheiten ausgesetzt gewesen, die Gott Vater nie für ihn vorgesehen hatte, wie nicht das Leid, das daraufhin den Jungen und seine ganze Familie erfasst hatte.

„Sie hatten Angst, du könntest sterben“, erklärte Toni gefasst, denn diese Angst war sehr groß und auch mächtig gewesen. „Aber du hast dein Leben nicht Ärzten oder sonst wem zu verdanken, sondern allein Gott, dem guten Vater, denn du bist ein reines und einzigartiges Geschenk, Linus, was dir eigentlich niemand nehmen darf. Und auch nicht kann“, ergänzte Toni leise, denn sie sah auch, dass es zahlreiche Angriffe auf ihn gegeben hatte.

„Du bist ein Geschenk, weißt du das?“, lächelte Toni dem Kind zu, das sich etwas seltsam fühlte und überlegte, ob das die Abenteuer gewesen waren, die es hatte erleben wollen.

„Das waren die weltlichen Abenteuer“, fügte Toni rasch hinzu, denn sie wusste ja, dass die Drei alles auflösen und in etwas Gutes wandeln konnten. „Aber die wirklich aufregenden und schönen Dinge warten hier auf dich, Linus“, setzte Toni nach. „Hier, wo du in Sicherheit bist und eine andere Wahrheit über dir ausgesprochen wird als die, die sich Menschen erdenken, weil sie meinen, klug zu sein“, nickte Toni wieder, denn sie konnte förmlich sehen, wie der Junge ihre Worte auf eine Kette zu bringen versuchte.

„Dazu ist dein Herz wie das eines Löwen“, sprach Toni weiter, „groß und unerschrocken, großzügig und Menschen oft genug überlegen, aber nicht, weil du stolz wärest oder über andere herrschen wolltest, wie über dich geherrscht wird, sondern weil du für Abenteuer gemacht worden bist. Die sollst du und die kannst du erleben, sofern du wieder beginnst, dir selbst zu vertrauen und auch darauf, dass du die Dinge um dich herum, nun ja, schon sehr deutlich und treffend wahrnimmst, auch wenn andere sagen, du seist zu jung oder zu klein. Aber sie sagen das nur, damit du das auch bleibst, nicht nur in ihren Augen, sondern besonders in deinen, also in deinem Empfinden. Denn wenn du ihnen glaubst, du seist klein, was du nicht bist, wirklich nicht“, musste Toni kurz auflachen, „wirst du nie die Größe erreichen, die in dir liegt, wenn auch noch verborgen. Dann bleibst du innerlich so klein wie sie dich haben wollen, auf dass du dich eben nicht zu voller Größe aufrichtest, was auch bedeutet, dich gegen diese vielen Meinungen zu stellen, über dich und über andere. Allein ist das sehr schwer“, fuhr Toni fort, etwas langsamer und auch ruhiger, denn was sie dem Jungen entgegenhielt, war durchaus viel.

Selbst für jemanden wie Linus, der es gewohnt war, eine Sintflut an unterschiedlichen Meinungen, Thesen, Informationen und Fakten schlagartig zu verarbeiten.

„Eigentlich aber bist du gar nicht allein“, sprach Toni aus und blickte dem Jungen fest in die Augen, um zu sehen, ob er mitkam.

Mühelos hielt Linus ihrem Blick Stand. Das hatte er sich über die Jahre hinweg angeeignet, auch weil er gern beobachtete und über ausreichend innere Stärke verfügte, selbst dann nicht einzuknicken, wenn die Stimmung ungemütlich wurde.

„Da bist du auch Meister drin“, musste Toni schlagartig grinsen, „standfest zu bleiben, selbst wenn die Dinge hart wie Stein werden. Aber glaube mir mal“, fügte sie mit Inbrunst hinzu, „selbst wenn wir eine abbekommen oder draufbekommen, ganz runter bekommen die anderen uns trotzdem nicht.“

„Ganz runter“, griff Linus auf, ohne Toni aus seinem Blick gleiten zu lassen.

So wie er das einstudiert und geübt hatte. Allerdings waren ihm in der letzten Zeit vermehrt Zweifel gekommen, ob er sich nicht doch mit dem vertat, was er sah oder wahrnahm.

„Denk nicht mal dran“, musste Toni augenblicklich erneut auflachen, „es liegt nicht an dir, wirklich nicht“, schüttelte sie wieder ihre Haare, die wie Gold an ihrem ebenmäßigen Gesicht herunter zu rinnen schienen wie Wassermassen an steilen Felsabhängen.

„Sieh nur deine Hände an“, nahm sich Toni ein Herz und streckte dem Jungen erneut ihre Hand entgegen. „Schmale, sensible, feingliedrige Hände sind das, Hände eines Chirurgen. Aber nicht nur weltlich betrachtet könnten sie das sein, zusammen mit deinem sehr schnellen Auffassungsvermögen, eben deiner ganzen Schnelligkeit“, fuhr sie fort, „sondern auch solche Hände sind das, die andere trösten, wenn du sie berührst. Und das nicht nur mit deinem eigentlich furchtlosen Herzen, sondern auch mit deiner Präzision, mit der du schon sehr genau triffst“, lächelte Toni den Jungen an, den sie sehr sympathisch fand. „Und es stimmt auch nicht“, flüsterte sie, „dass dich niemand liebt.“

„Nicht?“, entfuhr es dem Jungen, der überlegte, ob wahr sein konnte, was das Mädchen sagte.

„Denn du bist gesegnet, Linus“, sprach Toni, „letztlich durch Liebe. Denn Gott, der gute Vater, ist Liebe sozusagen und er möchte segnen, ganz besonders dich, scheint mir. Eigentlich bist du ein einziger Segen, darum geschehen all diese Dinge“, fügte Toni leise hinzu.

„Segen?“ blickte Linus das Mädchen verwundert an.

Das Wort hatte er mehrfach schon gehört, aber dass ausgerechnet er gesegnet werden oder gar ein Segen sein sollte, konnte er sich nicht so recht vorstellen.

„Ist wie Regen“, lächelte Toni und streckte ihre Hände nach oben aus, „ganz sanft und herrlich erfrischend. Danach fühlst du dich wie geduscht, von innen und von außen, dann willst du eigentlich nur noch tanzen und hüpfen und singen. Das sind die wirklichen Abenteuer“, lächelte Toni und nahm ihre Arme wieder herunter, mit denen sie den Jungen am liebsten umarmt hätte.

Und das nicht nur, weil er von ausgemachter Schönheit und einer besonderen Königswürde war, sondern auch, weil sie sich vorstellen konnte, dass er ein guter Freund sein könnte, obwohl sie wusste, dass Gottes Sohn der bessere Freund für Linus sein würde. Einfach nur, weil ihm alles gehörte und er darum auch alles schenken, also frei geben konnte. Segnen eben.

„Darum gibt Gott Vater immer riesige Feste“, strahlte Toni den Jungen an, der ganz sachte den Eindruck hatte, dass es gerade zu regnen begann.

Ganz leicht und weich fühlte sich das an. Und plötzlich war Linus, als wolle er nun doch lieber tanzen und mit den anderen jubeln. Einfach nur, weil er wieder etwas in seinem Herzen fühlte, was wie Leben und wie eine unaussprechliche Liebe war, von der er ehemals geglaubt hatte, sie entweder nicht verdient zu haben oder es schlichtweg nicht wert zu sein. Geliebt und angenommen zu sein. Und das nur, weil er geschaffen worden war. Einzigartig immerhin. Und auch darum ein Segen. Mal ganz abgesehen von seiner Schönheit, der inneren wie der äußeren.

„Denn das andere bist du nicht“, lachte Toni frei heraus und begann zu tanzen, obwohl sie sich noch hatte zurückhalten wollen, um sich vor dem Jungen, der ihr Herz durch seine zurückhaltende und feine, eben königliche Art gewonnen hatte, nicht gänzlich zu blamieren.

Andererseits war Toni zu sehr Kind, sodass sie doch loszustürmte und in ihrer mitreißenden Art zu singen begann: „Linus, Kind Gottes, lass dich beschenken, mach deine Arme weit und mach deine Gedanken groß, über dich und über alles, was ist und was noch nicht ist.“

Und wieder überlegte der Junge in seiner Art, was mehr wog derzeit: Das, was war oder das, was man noch nicht sehen konnte.

„Was bin ich nicht?“, fragte Linus schüchtern, als Toni auf ihn zu tanzte, ihn bei seinen Händen nahm und herumwirbelte.

„Ein Versager, ein Nichts, ein Lügner, ein Träumer, ein Nicht-Checker, ein Lächerlicher, ein Kleiner, ein Zu-Kleiner, ein Immer-Klein, das alles bist du nicht“, lächelte Toni den Jungen an, der unwillkürlich auf Tonis Tanzschritte eingehen musste.

„Das alles bin ich nicht“, lachte Linus plötzlich aus freiem Herzen heraus, denn hier oben gab es keine Begrenzungen, keine Schmerzen und auch keine Worte, die einen runterzogen und klein machten.

„Denn dein Herz gehört allein dir“, strahlte Toni und wirbelte Linus weiterhin umher, der um sich herum nichts als Lichtstreifen wahrnahm.

Was etwa dem entsprach, wie Menschen mitunter den Sohn Gottes beschrieben, unter anderem dann, wenn sie Nahtoderfahrungen gemacht hatten, was dem Kind, das dort zu tanzen und zu singen begann, nicht ganz fremd war. Warum auch er es leichter als seine Umgebung gehabt hatte, dorthin zu finden, wo Toni durch ihr Schicksal schon war.

„Denn wahre Größe sieht man nicht von außen“, sang Toni überschwänglich und getragen von einer Leichtigkeit, durch die sie mit ihrer Stimme Höhen erklomm, von der sie zu jenem Zeitpunkt nicht wusste, dass die Mauern zum Einreißen bringen würde.

„Denn du bist Königskind, Linus“, schrie es Toni fast heraus, da genau das dem Jungen hatte geraubt und genommen werden sollen.

Eine Identität als Königskind, zu der auch diese innere Größe gehörte, die nicht alle Menschenkinder wahrnehmen konnten. Nicht einmal dann, wenn diese Kinder wie die Sonne im Licht Gottes strahlten. Was nicht an diesen Kindern lag, sondern an ihrer Umgebung, die meinte, irgendetwas besser beurteilen zu können, was immerhin oder letztlich Gott, der Herr, erschaffen und geschaffen hatte.

„Komm“, ließ Toni abrupt Linus Hände los, um ihn nicht zu zwingen oder zu nötigen, „komm mit mir, denn wir feiern heute Abend wieder eine große Party mit Gott, dem guten Vater, hier oben, was mit dem menschlichen Verstand vielleicht nicht umfassend zu begreifen ist, was aber in deinem Herzen fühlbar sein kann, wenn du dich dafür entscheidest, eine andere Wahrheit über dich anzunehmen als die, die dir Menschenkinder auf Erden unter Umständen eingetrichtert haben. Denn das alles, was andere so oft über uns aussprechen, ist hier oben nicht so, weil Gott, der gute Vater, uns so gar nicht geschaffen hat.“

„Nicht?“, musste der Junge plötzlich ebenfalls laut auflachen.

„Nein“, nickte Toni keck, „denn du darfst kontern. Du darfst und du sollst frei sprechen, als Kind Gottes, als das Kind, als das dich der Allmächtige geschaffen hat, als Königskind“, erklärte das Mädchen, das durch ähnliche Prozesse gegangen war, warum es auch bei Linus Dinge sehen konnte, die der lieber geheim gehalten oder verschlossen hätte.

Sogar vor sich selbst, denn in ständigem Unfrieden mit der Umwelt zu leben, war für jedes Kind schwer zu ertragen.

„Du musst nichts zurückhalten“, blickte ihm Toni offenen Herzens ins Gesicht, „und schonmal gar nicht das, was du in dir fühlst oder was du in deiner Umgebung beobachtet und ausgedrückt hast, mit deinen ureigenen Worten“, lächelte sie Linus entgegen.

„Weil mein Herz allein mir gehört“, sprach der Junge aus, dem plötzlich war, als sehe er nichts anderes als Licht.

Gleißendes, pures, hell strahlendes Licht.

„Und nicht nur das“, frohlockte Toni, „sondern auch all deine Gefühle und Empfindungen, all das, was du siehst und von dem die anderen sagen, dass es nicht ist, gehören allein dir. Denn Gott, der gute Vater, hat dich nicht nur einzigartig und besonders geschaffen, sondern auch einen freien Willen gegeben, mit dem du entscheiden darfst, was du möchtest. Und in diesem freien Willen, der wie dein Herz und dein ganzes Sein allein dir gehört, kannst du jeden Tag neu entscheiden, was für dich wahr und wert ist und was nicht. Denn als Mensch hast du ein ausgeprägtes Gewissen von Gott bekommen, und das sagt dir oft auch, was ist und was nicht ist. Du musst dich also gar nicht beirren lassen, nur weil Menschen sagen: Wir sind größer, denn das sind sie nicht. Niemand ist das. Vor Gott sind alle gleich, egal wie alt, wie groß, wie gebildet, wie reich oder wie schön wir sind.  Und niemand darf uns richten, als allein der, der uns und alles geschaffen hat“, atmete Toni nach diesem Wortschwall aus.

Erleichtert, dass es raus war. Das, was sie als Bedrückung bei dem Jungen wahrgenommen hatte. Was das war, womit andere den Jungen bedrückt hatten. Etwas, das nicht von ihm selbst ausgegangen war, sondern von dem die anderen gewollt hatten, dass es der Junge als Begrenzung annehmen würde. Aber es war seine Entscheidung, was er annahm und was nicht, diese Bedrückung und Begrenzung durch andere oder eben nicht. Was allein auf sich gestellt nicht so leicht war, wie es Toni schon vertont hatte.

„Aber was antworte ich ihnen denn dann?“, fragte Linus nach einigem Zögern das Mädchen, das ihm durch seine Natürlichkeit und Form von Ursprünglichkeit ganz gut gefiel.

Abgesehen von Tonis Schönheit, die ihm plötzlich so sehr ins Auge stach, dass auch Linus überlegte, seine Augen zu schließen.

„Musst du ihnen denn etwas sagen?“, fragte Toni und trat wieder einen Schritt auf den Jungen zu.

„Muss ich nicht?“, fragte er.

„Sind sie denn soo wichtig?“, entgegnete Toni.

„Hm“, überlegte der Junge, der gemeinhin sehr schnell war, nun doch für eine etwas längere Zeit.

„Letztlich sind sie nicht die letzte Instanz, die dich beurteilen kann, Linus“, antwortete Toni. „Das ist auch etwas, was jeder Mensch tief in sich fühlen könnte, wenn er lernen würde, auf sich selbst im Innersten zu hören. In einer Weise, die andere nicht verurteilt. Was bedeutet, dass du weder sie – noch dich – verurteilen oder runtermachen musst. Das alles musst du nicht“, blickte Toni dem Jungen geradewegs in seine geöffneten Augen.

Denn wer Licht sehen konnte, hatte automatisch geöffnete Augen. Eben für das, was hinter so vielem lag.

„Ich meine damit auch nur“, sprach Toni behutsam weiter, „dass du ein einzigartiges Leben hast, weil du einzigartig bist, Linus. Und darum darfst du auch jeden Tag wieder neu entscheiden, was für dich wichtig ist und was unter Umständen, im Licht betrachtet, nicht so wichtig ist.“

„Wie die Dinge, die einem weh tun, unter Umständen nicht alles sind?“, formulierte Linus wie eine Frage.

Mitfühlend nickte Toni. Ohne dass sie ihm hätte von sich erzählen müssen, erkannte der Junge intuitiv, dass Toni das, was sie ihm zu verklickern suchte, ebenfalls einübte.

„Du darfst sprechen“, atmete Toni aus. „Sie vertonen ihre Wahrheit und du vertonst deine Wahrheit. Das Problem auf Erden ist vielleicht nur“, bemühte sich Toni, ihm ihre Sicht nicht aufzuzwingen, „dass manche Menschenkinder, die wir für stärker halten, oft unsere Wahrheit prägen oder gar definieren.“

„Und wenn ich falsch liege?“, fragte Linus.

„Und wenn sie falsch liegen?“, konterte Toni seine Frage mit der ihren, um ihm ihre Meinung nicht aufzuprägen.

Das brachte den Jungen so aus dem Gleichgewicht, dass Toni ihn erneut bei der Hand nahm und im Tanz so umherwirbelte, dass Linus das nächste Mal war, als regnete es Segen vom Himmel. Zumindest von einer übergeordneten Stelle aus, die er noch nicht ganz so gut zuordnen konnte. Aber auch dazu war der freie Wille der Menschenkinder angelegt: Sich selbst ein Bild zu machen, selbst auszuprobieren und selbst Erfahrungen zu machen. In diesen Gedanken blieb Linus plötzlich stehen.

„Du bist nicht allein“, schüttelte Toni angesichts seiner Nachdenklichkeit ihren Kopf. „Wir glauben das manchmal. Aber wenn du anfangen würdest, dich mit anderen zu unterhalten, und damit meine ich jene, die nicht so sehr in unserem Blickfeld liegen, wie die sich fühlen und was sie erlebt haben, dann relativiert das manchmal unseren Blick auf uns selbst und auf unsere Sicht, allein zu sein. Aber das bist du nicht, das bin nicht ich, das ist eigentlich kein Mensch. Und auch, wenn diese Zeit allen eine Form von Isolation und Zurückgezogenheit aufzwingt, heißt das nicht, dass das die ganze oder umfassende oder letzte Wahrheit ist.“

„Wahrheit?“, fragte Linus, da ihm hier oben auffiel, dass er Wahrheit immer mit der Meinung anderer gleichgesetzt hatte.

„Ja“, nickte Toni, „in unserem Leben geht es schon sehr um Wahrheit.  Hier oben hast du alle Zeit, für dich herauszufinden, was du brauchst und was dir guttut.“

„Okay“, blickte Linus dem Mädchen fest in die Augen, „dann möchte ich das versuchen.“

„Mach“, lächelte Toni.

„Und wie genau tue ich das?“, fragte der Junge, dem eigentlich mehr zum Singen und Tanzen zumute war, als irgendetwas herauszufinden.

„Frag“, antwortete Toni. „Frag andere und frag den, von dem es heißt, er sei Gott, denn von ihm hast du ja auch schon gehört, oder?“, ergänzte Toni vorsichtig.

Letztlich wollte sie nicht, dass sich Linus erschreckte. Trotzdem hätte Toni von allem am schlimmsten gefunden, wenn dieser überaus schöne, aus sich heraus strahlende, begabte und großherzige Junge frühzeitig gegangen, also aufgegeben hätte. Was in ihren Augen auch hieß, sich den Urteilen anderer zu fügen, denn die stimmten oft genug nicht, fand Toni. Der Grund, warum sie so gerne bei den Dreien war, in lebendiger Weise, denn in Gottes Geist waren sie lebendig und hatte er ihnen mit seinem Geist immerhin Leben eingehaucht. Und wenn die Menschenkinder dann aufrichtig in ihrem Herzen zu fragen begannen, änderte sich einiges, wenn nicht gar alles, wie es bei Toni der Fall gewesen war.

„Du kannst jederzeit hierhin kommen“, flüsterte Toni, die wirklich nicht vorhatte, zu denen zu gehören, die Linus unter Druck setzten oder ihm erklärten, was wie zu sein habe. „Und du kannst natürlich jetzt schon mit zu dem Fest kommen, das Gott, der gute Vater, für uns regelmäßig gibt. Es ist auch vollkommen gleichgültig, wann das ist. Du hast Zeit. Du hast alle Zeit der Welt, Linus. Hier oben spielt Zeit sowieso keine Rolle. Mach so, wie es sich für dich im Innersten gut und richtig anfühlt. So, wie du es in dem Moment möchtest. Und wenn du etwas nicht mehr möchtest, dann entscheidest du eben anders. Denn du darfst entscheiden, Linus. Es ist dein Leben. Es ist deine Zeit. Es sind deine Entscheidungen. Egal, wie alt du bist oder ob die anderen dich für klein oder für was auch immer halten.“

„Okay“, nickte Linus, „ich überleg es mir.“

„Okay“, entgegnete Toni. „Und denk immer dran“, flüsterte sie, „du bist groß. In dir selbst. So, wie Gott, der gute Vater, dich geschaffen und gemacht hat. Denn du bist kein Zufall und du bist auch nicht durch Zufall entstanden.“

„Okay“, nickte Linus wieder, dem sehr viel durch sein Herz und seine Gedanken floss.

Was aber auf eine gewisse Weise wohltuend war. Dass ihm jemand überhaupt etwas zutraute, und sei es erstmal dieses lustige Mädchen, mit dem er eigentlich gerne weiter getanzt hätte.

„Ich bin da“, fiel Toni in sein Nicken ein. „Und Gott Vater ist da. Die Drei sind immer da. Wende dich an sie, wenn du gar nicht mehr weiter weißt. Du kannst jederzeit wieder hierhin kommen, in Gedanken, und dann tanzen und dann singen wir oder spielen Tennis oder erholen uns einfach oder machen sonst was“, fügte das Mädchen hinzu, das inständig hoffte, Linus würde wiederkommen.

„Okay“, antwortete das Kind Gottes, das überlegte, ob es das Abenteuer seines Lebens jetezt schon starten sollte oder lieber nicht. „Und ihr helft mir“, setzte Linus nach kurzem Zögern hinzu.

„Wir alle helfen dir“, nickte Toni, die wusste, wenn die Drei mit jemandem ihren Weg begannen, dann brachten sie den durch alles hindurch, was auch immer in dessen Leben geschehen war, geschah und noch geschehen würde. „Wir sind für dich da, auch wenn sich das manchmal nicht so anfühlt. Aber du kannst jederzeit nach den Dreien rufen, irgendeiner von ihnen kommt immer“, erklärte Toni.

„Auch dann, wenn ich traurig und unentschlossen bin?“, fragte der Junge mit klopfendem Herzen.

„Gerade dann“, nickte Toni und überlegte, ob sie erneut nach seiner Hand greifen sollte, um Linus einfach mitzuziehen. „Aber du bist ja eigentlich gar nicht mal so unentschlossen“, lachte sie hell auf, denn ihr war, als stehe der Junge im vollen und breiten Lichtkegel Gottes, der wohl seine Hand auf ihn gelegt hatte.

Daraufhin sah Toni, wie Jeschua mit Linus zu tanzen begann. Alles hier schien mit einem kleinen Tänzchen zu beginnen, dachte Toni. Letztlich erinnerte sie sich gut an ihre erste Party, die Gott Vater allein für sie gegeben hatte, und wie sie da erst mit Jeschua und dann mit ihrem Freund Ramon getanzt hatte. Vielleicht sollte diesmal sie so eine Freundin sein, die Linus sagte, wie nett und toll sie ihn fand, wie einzigartig und besonders er für sie war. So besonders und herrlich anzusehen, dass sich Toni von Herzen wünschte, Linus würde mit ihr in diese Festhalle treten, wo Gott Vater auch sie so reich beschenkt hatte.

Nach allem, was Linus hier oben schon erlebt hatte, war auch er neugierig geworden und fragte sich, was hinter der Tür lag, die gerade vor ihm aufleuchtete. Auch wenn er nicht sicher war, ob darüber ‚Exit‘ oder ‚Eingang‘ stand, wollte er den Schritt wagen und damit wohl das Abenteuer seines Lebens starten. Kurz darauf sah Toni den Jungen von hinten, worüber sie sehr schmunzeln musste und ebenfalls einen Schritt nach vorn machte, der sie zu ihrem Erstaunen direkt vor die Füße von Ephania Lopez brachte.

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