Kapitel Wie eine Wand GoldenTor-Geschichte von Isabelle Dreher

Wie eine Wand – In einer Zeit wie diese

Lügen bedrängen einen, bis man glaubt, selbst schuld zu sein.“ Toni Guard

Nachdem Toni eine Zeitlang im Ferieninternat gewesen war, wo sie vieles gelernt und auch Gott Vater, seinen Sohn Jeschua und den Heiligen Geist Ruach besser kennengelernt hatte, kehrte sie zurück ins Schloss, wo sie neben ihrer Freundin Alisha lebte. Dort hatte sie ein eigenes Zimmer und durfte sogar in ihrem Lebensbuch lesen, das Gott Vater vor Grundlegung der Welt für sie geschrieben hatte. Jedes Kind hatte solch ein Lebensbuch, in dem der Plan Gottes aufgeschrieben war. Dazu gehörten auch Talente, mit denen sie ausgestattet worden waren. Tonis Zimmergenossen beispielsweise hatten sehr ausgeprägte Begabungen, die im Internat gefördert werden sollten. Said malte und las anderen aus deren Lebensbüchern vor. Greg tanzte und machte Bewegungen vor, durch die sämtliche Beklemmungen aufgelöst werden konnten. Naomi sang und vertonte mit ihren Worten das, was andere gerade erlebten oder durchlitten. Miriam spielte Geige und führte durch ihre Melodien geradewegs vor Gottes Thron. Und Shelly fertigte Skulpturen an, die das sichtbar machten, was sich andere nur schwer vorstellen konnten. Im Ferieninternat war Toni in ihrer Begabungsklasse zudem auf Willi getroffen, mit der sie sich ebenfalls angefreundet hatte. Und auch ihren Freund Ramon durfte Toni hin und wieder sehen. Gemeinsam mit Jeschua waren sie sogar in der Goldenen Stadt gewesen. Ramon hatte Toni bei ihrer aller ersten Party kennengelernt, die Gott Vater allein für sie gegeben hatte. Aber das war nicht das einzige Fest gewesen, wo Toni zusammen mit vielen anderen Gott Vater gefeiert hatte. Bevor sie ins Schloss zurückgekehrt war, nahm sie an einem der wöchentlichen Abende in der riesigen Anbetungshalle teil, die jede Erwartung toppte. Dort bekam jedes Kind ein Geschenk überreicht und erfuhr etwas von den Plänen Gottes für sein Leben. Die Direktorin des Ferieninternats hatte daraufhin Tonis Erbe zurückgefordert, also das, was ihr auf Erden geraubt worden war. Wer stahl, zerstörte und nichts als Unglück für die Menschenkinder vorsah, war der Widersacher Gottes, den Toni auf der Erde als Schwarzen Mann kennengelernt hatte, da er sehr dunkel war und mitten aus der Finsternis kam. Er wurde auch ‚der Vater der Lüge‘ genannt, denn durch seine Unwahrheiten zog er die Kinder von Gott weg, um sie all dessen zu berauben, mit was Gott Vater sie eigentlich beschenken wollte. Jeschua aber hatte durch seinen Tod alles bezahlt und machte dadurch die Diebstähle rückgängig, sodass sie in der Fülle leben sollten, die Gott Vater ursprünglich für sie vorgesehen hatte.

Hier oben bei den Dreien war alles, was sich die Kinder überhaupt nur wünschen konnten. Zudem strahlte alles in den prächtigsten Farben und war von anmutiger Schönheit, so wie der Sohn Gottes selbst ebenfalls. Die Kinder konnten ihn  an den  Mahnmalen an Händen und Füßen erkennen, denn er war ans Kreuz genagelt worden und hatte unter unsagbaren Schmerzen den Tod gefunden. Aber durch Gottes Kraft war er nach drei Tagen wieder auferstanden und lebte nun in diesem Reich, in das er alle Kinder zurückbringen wollte. Zwischendrin lud Gott Vater Toni immer wieder ins Nachrichtenzimmer ein, wo er ihr zeigte, was auf der Erde geschah, geschehen war und geschehen sollte. Eines von Tonis Talenten bestand darin, in Gottes Geist zu sehen, was in der letzten Zeit allen Kindern zugänglich gemacht werden sollte. Allerdings gab es hier oben so etwas wie Zeit nicht mehr, warum Jeschua diesen ‚Zeitlosigkeit‘ nannte. Also verwunderte es Toni nicht, als sie unvermittelt auf Alisha und Ramon traf, die gerade mit anderen ‚Mädchen gegen Jungs‘ Fußball gespielt hatten. Sofort fiel ihnen Toni um den Hals und fragte sie, wie ihr Tag gewesen war.

Alisha grinste Toni an und antwortete, den Blick auf Ramon gerichtet: „Wir haben gewonnen.“

„Aber auch nur, weil wir euch haben gewinnen lassen“, gab Ramon übermütig zurück.

Doch noch ehe er seinen Satz beendet hatte, musste Toni schon innehalten.

„Ramon“, setzte sie an, als sie sich an die letzte Party im Ferieninternat erinnerte und wie sie dort Geschichten gesehen hatte, die andere erlebt hatten, „Ramon, du schleifst da ein paar Lügen hinter dir her, die rasseln wie Ketten bei einem Gespenst“, lachte sie hell auf, ergriffen von einer Woge der Leichtigkeit, wie sie jene so oft mit Jeschua am Wasser empfunden hatte.

Ramon schüttelte seinen Kopf und musste augenblicklich ebenfalls lachen. Mit Toni wurde es einfach nie langweilig.

Plötzlich sah ihn Toni vor ihren geistigen Augen tauchen.

„Du bist tief getaucht“, begann sie, was den Jungen einen Schritt zurücktreten ließ.

Tauchen war tatsächlich Ramon Liebstes gewesen, bis seine Familie einen Freund von ihm in den Urlaub, also in ihr herrschaftliches Feriendomizil mitgenommen hatte. Ramon ließ dem Freund damals kaum Zeit, sich erst einmal an all das, über was die Familie verfügte, zu gewöhnen. Stattdessen hatte Ramon seinen Freund gedrängt, mit ihm einen Tauchgang zu machen, von dem der Junge nicht mehr zurückgekehrt war.

„Er konnte nicht so tauchen wie du“, formte Toni die Worte, mit denen sie die Bilder, die sie vor sich auftauchen sah, beschrieb. „Seine Lungen konnten den Druck unter Wasser irgendwie nicht mehr ausgleichen, als ihr sehr schnell nach oben aufgeschossen seid, was wohl seine Lungenflügel gesprengt hat. Jedenfalls bist du seitdem nicht mehr du selbst gewesen“, fügte Toni hinzu und überlegte, wie sie Ramon trösten könne, der langsam zu Boden glitt.

„Er ist wegen mir gestorben“, floss es aus dem Jungen heraus und konnte Toni sehen, wie sein Herz noch immer von diesem Vorfall blutete.

Immer wieder war Ramon sein Freund Marc in Träumen begegnet. Auch das sah Toni im Geist und fragte Jeschua in Gedanken, ob er kommen und sie vielleicht alle zu Gott Vater ins Nachrichtenzimmer treten dürften, damit Ramon dort sehen und begreifen konnte, was mit seinem Freund geschehen war.

„Warte noch“, hörte Toni Jeschuas Antwort in Gedanken, „Alisha ist Teil der Lösung.“

Toni nickte im Inneren, begriff aber nichts. Also trat sie einen Schritt auf Ramon zu und versuchte ihm aufzuhelfen, doch wie besinnungslos machte er sich von ihrer noch so gut gemeinten Geste los.

„Ich wollte das nicht“, schrie Ramon und sah plötzlich sehr zornig aus.

Wie jemand, in dem ein Kampf oder Krieg tobte – und zwar, wie Toni bemerkte – in ihm selbst. Das hatte sie ebenfalls schon erlebt und durchlitten. Hoffentlich kommt Jeschua bald, dachte Toni, als Alisha auch schon auf Ramon zutrat und sagte: „Wegen mir ist meine Schwester gestorben. Danach haben sie mich ins Heim gesteckt.“

Unwillkürlich blickte Ramon das Mädchen vor ihm an. Vollkommen ausdruckslos, wie es Toni von sich selbst kannte. In völligem Unverständnis sich selbst gegenüber. Musste aber auch wirklich alles immer mit Leben und Tod zusammenhängen, dachte Toni und hoffte, Jeschua würde sie bald alle – wie gewohnt – umarmen und dann das einleiten, was sie endlich in Freiheit brachte. In Frieden und Gerechtigkeit. Denn nach solchen Geschichten – wie sollte da jemand noch an Gerechtigkeit – geschweige denn an Frieden jemals wieder glauben? Und schon sah Toni, wie sich eine Schlange um Ramons Hals wickelte, die ihm die Kehle zuschnürte. Ramons Augen verdrehten sich. Er keuchte, als bekomme er keine Luft mehr, wie sein Freund ehemals in den Tiefen des Meeres.

Du musst jetzt kommen Jeschua, dachte Toni, die langsam zu zittern begann.

„Befiehl der Schlange in meinem Namen zu weichen“, hörte sie und so sprach Toni: „Schlange, weiche von Ramon in Jeschuas Namen.“

Zu aller Erstaunen ließ die Schlange von Ramon und machte sich aus dem Staub.

„Das ist, was ihr tun sollt“, lächelte Jeschua, als er endlich sichtbar vor den Dreien stand, die sich kaum mehr fassen konnten. Das alles und sich selbst ebenfalls nicht.

Toni fing sich wie gewöhnlich als Erste.

„Na, du machst ja Sachen“, warf sie aus, ohne zu wissen, wen von den Anwesenden sie jetzt eigentlich meinte. Fehlte nur noch, dass auch sie jemanden auf dem Gewissen hatte. Doch alles blieb für eine Weile ruhig, die Toni wie eine Ewigkeit vorkam.

Zu ihrem eigenen Erstaunen wandte sich Jeschua schließlich allein an sie.

„Deine Umgebung hatte Angst, du bringst sie um“, begann er.

Toni sperrte ihre Augen weit auf.

Daraufhin öffnete Jeschua seine Arme, damit sich Toni hineinfallen lassen konnte. Im Augenwinkel sah Toni, wie die beiden anderen sie atemlos anstarrten.

„Du hast sozusagen immer wieder damit gedroht“, fuhr Jeschua fort, „das Unrecht, das dir angetan worden ist, was deine Umgebung gedeckt und zugedeckt hat, auffliegen zu lassen wie die Behauptung über dich, du seist verrückt in all dem, was für alle unaussprechlich gewesen ist.“

Toni fühlte, wie ihr Herzschlag aussetzte. Fehlte nur noch die Schlange.

„Die Schlange ist die Lüge, die alle immer wieder dazu verführt, die Schuld anderen zu geben, für was ich eigentlich da bin, also Lüge von Wahrheit zu trennen. Menschen meinen, sie könnten richten und werten, was richtig und was falsch ist. Dazu verführt sie – letztlich – die Schlange“, erläuterte Jeschua.

Langsam begann Toni wieder zu atmen.

„Lügen bedrängen einen, bis man glaubt, selbst schuld zu sein“, keuchte Toni, die einen unbestimmten Druck in ihren eigenen Lungenflügeln spürte. „Bist du schuld?“, fragte Toni und machte sich von Jeschua los, um ihm wieder mitten in die Augen zu sehen.

Jeschua lachte.

„Nein, ich bin nicht schuld“, lächelte er, „aber ich nehme jede Schuld von euch, auf dass ihr nicht mehr an die Schlange, also an die Lüge gebunden seid, die euch jederzeit jede Schuld ohne Skrupel übertragen wird, sodass ihr alle überhaupt nicht mehr leben, also atmen könnt“, antwortete er.

Toni nickte, verstand aber schon wieder nichts.

„Lügen binden euch an Schuld“, erklärte Jeschua ernst und blickte alle Drei hintereinander an. „Lügen binden euch an die, die glauben möchten, ihr seid schuld, damit sie ihren eigenen Teil in dem Gesamten nicht tragen müssen.“

Plötzlich sah Toni nichts als Strudel in und um sich herum. Ramon schluckte, Alisha blickte zu Boden und Toni starrte Jeschua weiterhin unverhohlen an. Wie ein Meer, so war ihr. Ein Meer aus Gefühlen, das sie von dem trennte, der auf dem Thron saß und von dem es hieß, er stelle Recht und Gerechtigkeit wieder her, was zu Frieden führte, also zu Jeschua. Wer fehlte war Ruach.

„Und Ruach?“, fragte Toni ihren Gedanken folgend, die den anderen reichlich unzusammenhängend vorkamen.

„Ruach zeigt es euch“, antwortete Jeschua ruhig.

„Transmitter“, erinnerte sich Toni.

„Was ist ein Transmitter?“, fragte Alisha.

„Sichtbarmacher“, flüsterte Toni.

„Lüge?“, fragte Ramon.

„Lüge“, entgegnete Jeschua, „ist die Schlange und der Schwarze Mann, der euch der Lüge bezichtigt und damit bindet. Ich aber bin die Wahrheit und der Ausweg, weil ich Leben und nicht Tod bin“, frohlockte Jeschua, der bemerkte, dass die Kinder für kurze Zeit vor ihren Augen nur noch Schwarz sahen.

Die Farbe des Todes, wie Toni fand. Wo es dunkel bis schwarz war, kam das Licht Gottes kaum hin. Da war dann wohl auch nicht das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens, sondern das Reich der Schuld, der Angst und des Terrors, was eigentlich jeder Mensch fürchtete. Eben weil es dort so dunkel war, fand Toni als Erste den Mut, sich wieder an Jeschua zu wenden, der hell vor ihr erstrahlte.

„Wenn du kommst, muss die Lüge weichen, wenn wir ihr sagen, dass sie weichen soll, in deinem Namen, denn von dir geht Macht und Kraft aus“, stotterte sie.

Jeschua nickte und tätschelte Toni über den Kopf. Augenblicklich hatte Toni das Gefühl, wieder klar denken zu können. Und sie fühlte etwas. Etwas, das in ihr zitterte. Wie jemand oder etwas, das Angst  hatte, enttarnt zu werden.

„Die Schatten werden von euch weichen, wenn ihr euch selbst vergebt“, erläuterte Jeschua, als alle Drei zu Boden sanken und überlegten, wie es ihnen gelingen sollte, jemals wieder aufzustehen.

„Das ist ähnlich einer Wand“, hörten sie Jeschuas Stimme wie aus Ferne. „Eine innere Wand, die euch von dem guten Vater, also von Gott Vater trennt und damit von allem, was so etwas wie Leben bedeutet.“

„Ich kann so nicht mehr leben“, atmete Ramon aus.

„Ich kann diese Schuld nicht mehr tragen“, flüsterte Alisha.

„Ich kann diese Lügen nicht mehr ertragen“, antwortete Toni.

„Nun“, begann Jeschua, „dann lasst uns das alles doch mal untersuchen. Wollt ihr das?“

Die drei Kinder, die sich gut genug kannten, um sich gegenseitig zu vertrauen, was auch hieß, den anderen nicht für sonst was zu verurteilen, nickten jeder für sich, ohne irgendetwas begreifen zu können. Nur die Worte Jeschuas hielten sie auf unbestimmte Weise aufrecht, also so aufrecht, dass sie sich nicht mehr wehrlos ihrem Schicksal ergaben. Sie wollten tief in ihrem Herzen tauchen und das sehen oder hören, was größer als das war, was sie bislang geglaubt hatten: selbst schuld zu sein. Wie auch immer diese Schuld aussah oder wie unbegreiflich sie war. Und genau diese Wahrheit der Schuldauflösung, so hatte Jeschua ihnen zu verklickern versucht, stand nun vor ihnen, sozusagen in Person. Im Grunde hatte er am Kreuz auf Erden all diese Schuld von ihnen genommen, also von denen, die daran auch glauben wollten. Was ein Willensakt war, eine Form eigenständiger, selbst getroffener Entscheidung, unabhängig davon, was andere sagten, dachten oder glaubten. Das hier hatte nur mit ihnen, mit Jeschua und dem Höchsten auf dem Thron zu tun. Und mit Ruach, die ihnen das wohl vermitteln sollte, wozu Sprache oder Verstand nicht ausreichten. Jeschua war zwar sozusagen das lebendige Wort des Vaters, aber ohne Ruach würden sie das in ihren Herzen niemals begreifen können, denn ihr Verstand würde wohl – diese Mauer dazwischenschieben – zwischen sich und diese unergründliche Wahrheit, für die der Sohn eingesetzt war. Um das zu bringen, wonach sich im Grunde alle diese Kinder so verzweifelt sehnten: Gerechtigkeit. Und in diesem Reich waren sie nun. Alle Drei. In diesem einen Reich der Gerechtigkeit, das Frieden versprach. Und zwar so lange, wie sie es niemals für möglich halten würden: ewiglich.

Toni, die sich auf Erden oft genug selbst nicht ernst genommen hatte, fand als Erste zu ihren Worten zurück, was aber auch daran lag, dass Toni einfach sah. Sie konnte es selbst in Momenten wie diesen nicht abstellen, da auch sie von dem unbestimmten Gefühl geleitet war, niemals wieder aufstehen zu können.

„Du bist die Wahrheit“, sagte sie.

„Ich bin die Wahrheit, weil ich überall bin und war“, bestätigte Jeschua, „auch wenn euch das sehr seltsam anmutet oder vorkommt. Ich war da, als alles geschehen ist. Ich habe alles gesehen, selbst das, was zu schwer für euch gewesen ist, sodass ihr aus so etwas wie Unbeschwertheit ausgestiegen seid. In euren Herzen, euren Gedanken und eurem Verstand“, erklärte Jeschua.

Alisha nickte und Ramon würgte noch immer, als Ruach auf sie zutrat, kurz auf Jeschua blickte und dann sagte: „Nun Kinder, was macht euch denn wirklich zu schaffen?“

In diesem Augenblick regten sich die Herzen der Drei wieder und begannen sie nacheinander aufzustehen und das wie trunken, lachend und bald schreiend vor Lachen. Damit war die Verstandesschranke komplett gesprengt, stellte Toni irgendwann in dem Prozess fest, da sie ohnehin nie so auf ihren Kopf vertraut hatte wie Alisha oder Ramon.

„Zeit fürs Nachrichtenzimmer“, lächelte Ruach und blickte Jeschua an, der nickte.

Die drei Kinder liefen, immer noch kreischend vor Lachen, mit Jeschua und Ruach durch den Garten auf das unscheinbar wirkende Gebäude zu, das Toni als das ‚Nachrichtenzimmer‘ vorgestellt worden war. Dabei schritten sie wieder durch ein Tor, das ebenfalls golden war, aber nicht so groß wie die anderen, die sie sonst gewohnt waren. Dieses hier war eher schlicht gehalten, vielleicht um sicher zu stellen, dass nur die hindurch traten, die nicht meinten, besser oder prachtvoller als andere zu sein. Wer hier prunkvoll aus der Umgebung hervorstach war der, der sonst auf einem Thron saß. Hier schien er wie jemand, der einfach eine Kommandozentrale steuerte, wie es die drei Kinder sonst nur aus Filmen kannten. Vielleicht, dachte Toni noch, kurz bevor sie eintrat, war das unscheinbare Tor auch dafür da, alles andere abzulegen, um sich besser auf die Leinwand konzentrieren zu können, ohne von äußerem Prunk oder Reichtum abgelenkt zu werden. Zumindest fühlte Toni, als sie eintrat, wie Ruach ihre Hand fest drückte ihr zunickte. Doch Toni war so sehr von ihren seltsamen Gefühlen hin und her gerissen, dass sie es kaum als Aufforderung betrachtete, sich zu konzentrieren, was ihr ohnehin schwerfiel.

„Toni, schön dich zu sehen und euch, meine Kinder“, begrüßte Gott Vater fröhlich Alisha und Ramon, die zögerlich neben Toni traten, die sich dem Ernst der Lage offenkundig nicht bewusst war, denn schon nahm sie wie gewohnt in einem der Sessel Platz und wollte gerade nach einer der Früchte greifen, als sie Gott Vaters eindringliche Stimme vernahm: „Toni, setz dich hier neben mich und konzentriere dich bitte auf das Wesentliche.“

Toni war einigermaßen verdattert, als sie aufstand und neben Gott Vater auf einem Stuhl Platz nahm. Ihre Freunde hatten schon längst aufgehört zu lachen. Nur Toni war irgendwie noch nicht so richtig angekommen, warum Gott Vater seine Hand nach Toni ausstreckte und sagte: „Toni, beruhige dich.“

Toni blickte Gott Vater erstaunt an. Eigentlich hatte sie sich in der Rolle des Klassenclowns immer gefallen. Doch noch ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, startete er schon die Szenen auf der Leinwand, die Toni nur allzu vertraut waren. Ihre Rolle als Klassenclown in jeder Lebenslage voll ausfüllend, ahnte Toni, dass ihr das würde schlagartig genommen werden können, denn was ihr fehlte, war im Grunde die Voraussetzung für jedes Verstehen und Wirken in diesem anderen Reich: Respekt. Und an dem mangelte es, das ahnte Toni sehr wohl, in den Tiefen ihrer Tiefen. Um genau zu sein – in ihrem Charakter, von dem Jeschua sagen würde: in ihrer Identität. Toni wusste, dass sie keine Ahnung davon hatte, was Identität hieß oder bedeuten sollte. Sie verstand auch nicht so genau oder bewusst, dass es erst um sie ging, da Toni mehr sehen konnte als andere, was sie inzwischen für komplett selbstverständlich erachtete. Wie etwas, das automatisch da war. Das ihr gar nicht mehr abhandenkommen konnte. Was eine menschlich betrachtete Sicherheit war, die es hier oben in der Form nicht gab. Immer wieder zielte alles auf die Drei, die hier walteten und alles verwalteten. Und die hießen hier nicht Toni, Alisha oder Ramon, sondern das waren Gott Vater, sein Sohn Jeschua und Ruach, Gottes Geist und Sichtbarmacher. Auch wenn die Kinder diese Drei wie Personen wahrnahmen, waren sie mehr als das. Eine Lektion, die besonders Toni immer wieder neu erproben und letztlich – erlernen und annehmen musste – um in das treten zu können, was größer, weiter, höher und tiefer war als ihr Verstand, ihre Gefühle, ihr Wille und ihr Körper. Sogar größer als all das zusammengenommen, exponiert sozusagen. Etwas, das Toni bis hierhin nicht hatte verstehen wollen. Letztlich hatte sie ihre Rollen sogar gut gefunden, auch wenn die nicht ihrer wahren Identität entsprachen, sondern etwas geschuldet waren, das ihr geholfen hatte, auf Erden besser  zurechtzukommen. Und das in ihren Augen hervorragend. Doch wer oder was hier hervorragte, waren nicht die Rollen, die den Kindern auf Erden zugedacht oder inmitten derer sie sich so gut eingerichtet hatten, sondern was die Drei ihnen zuteilten war ausschlaggebend. Das hieß hier oben nicht Klassenclown oder Schuldner oder Opfer oder Lügner, sondern war hier oben in einem Wort zusammengefasst: Königskind. Eine Identität, in die sie alle erst hineinfinden mussten.

„Toni, warum bist du heute hier?“, begann Gott Vater, als sie sich richtig ungemütlich auf dem Stuhl zu fühlen begann, auf dem er ihr geheißen hatte, Platz zu nehmen.

Toni blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und überlegte kurz, wirklich nur ganz kurz, ob sie Gott Vater dadurch von sich selbst ablenken sollte, indem sie ihm erzählte, dass Alishas Schwester und Ramons Freund durch deren Unachtsamkeit gestorben waren. Kinder waren sie selbst gewesen und viel zu jung für alles, besonders für solch unermessliche Strafen, die sie hernach hatten tragen müssen, ähnlich vielleicht wie Gottes Sohn damals am Kreuz.

„Ich bin nicht schuld“, setzte Toni wirklich nur ganz kurz an, bis ihr Blick unmittelbar auf Jeschua hängen blieb.

Oh mein Gott, durchzuckte es sie. Sie konnte nicht. Sie konnte hier nicht richten. Sie konnte die anderen nicht an den Pranger stellen. Und sie konnte auch sich selbst nicht wirklich freisprechen – von was auch immer. Sie konnte hier im Moment gar nichts. Selbst Klassenclown ging nicht mehr. Jeschua hatte sie durchschaut. Und Jeschua sah sie mit einem Blick an, von dem Toni nach all der Zeit mit ihm genau wusste, dass er es tat: sie zu durchschauen, wie es niemals jemandem auf Erden  gelungen war. Selbst ihr selbst nicht. Was Toni sehr verwirrte. Sie konnte sich nicht mehr so verstellen, wie sie das auf Erden gewohnt gewesen war, um sich und die anderen zu täuschen. In Lügen verhaftet. Von denen die Drei angetreten waren, diese aufzulösen. Und das auf ewig.

„Ich gebe auf“, lachte Toni folglich und machte eine lässige Handbewegung, die verdeutlichen sollte, dass es ihr nicht mehr wichtig war, wie sie sich gab. Das war hier oben aufgehoben. Hier zählte ohnehin etwas anderes als das, was Toni verstand oder überhaupt jemals verstehen konnte. Also folgte sie einfach den Dreien. Ein Folgen, das sie auf Erden vehement und jemals mit Füßen getreten hätte. Gefolgschaft war ihr immer vorgekommen wie Verrat, und zwar sich selbst gegenüber. Bis sie hier merkte, dass sie in dem Maße freikam, wie sie nicht mehr Dingen oder Kräften folgte, zu denen auch ihre Ängste gehörten, von denen sie der Christus löste, der hier oben Jeschua hieß. Der eine Person war und die umfassende Wahrheit verkörperte, auch wenn es schwer war, das irgendwie zu begreifen. Mit dem Verstand. In ihrem Herzen spürte Toni etwas anderes, was eine Form von Freiheit war, die ihren Verstand sprengte. Und das anders, als sämtliche Lügen und Taten ihren Verstand bislang gesprengt hatten. Diesmal geschah es in etwas, das höher, weiter, tiefer und schöner als alles war, was Toni bis hierhin erlebt hatte. Sie sollte Königskind sein, was hieß, auf ewig erlöst und freigesetzt von sämtlichen unguten Bindungen an was oder wen auch immer.

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