Kapitel Steigt herauf GoldenTor-Geschichte von Isabelle Dreher

Steigt herauf – In einem anderen Reich

Ephania Lopez war ganz Gastgeberin und begrüßte allesamt herzlich. Es waren etwa dreißig Kinder gekommen, über die die Direktorin vorher schon mit den Dreien gesprochen hatte. Natürlich waren auch deren Lebensbücher zur Sprache gekommen, denn die bildeten so etwas wie einen Kompass für jeden einzelnen, während sämtliche Koordinaten irgendwann an die Richtung angepasst werden mussten, in die es dann gemeinsam gehen sollte. Das waren die Ebenen, die die Kinder im Geist erkennen sollten, um sich darauf vorzubereiten, was als nächstes kommen würde. Es war wie ein Marschplan, hätte man es militärisch ausdrücken wollen, den Ephania Lopez in ihren Händen hielt und jeden Morgen mit den Dreien während des Frühstücks besprach. Da sie sich über alle Kinder unterhielten, war auch Tonis Name schon gefallen. Als die zur Tür hereinspazierte erkannte Ephania genau, mit was sie gekommen war: Einem Auftrag. Deutlich sah Ephania Jesu Zeichen auf Tonis Stirn, umarmte sie und lachte ihr mitten ins Herz: „Toni, schön dass du gekommen bist.“

„Danke“, lächelte Toni, die nach der Gewissheit, die sie soeben über ihre Vergangenheit erhalten hatte, ein wenig fester stand, was ihr selbst auffiel, als sie der Frau fest die Hand drückte, obwohl sie den Eindruck hatte, in dem Blick der Direktorin unterzugehen.

Toni selbst brauchte nur einen Blick, um die Utensilien, die sie mit zum Festsaal nehmen würden, zu überreißen.

„Warum nur Gold?“, fragte sie.

Ephania lachte von Herzen.

„Weil Gott alles vergoldet, was wir anfassen“, antwortete sie.

„Oh“, murmelte Toni und sah wieder in Ephanias hellblaue Augen, die ihr so grenzenlos wie das Meer vorkamen, das sie so liebte.

„Keine Sorge“, fuhr Ephania fort, „im Festsaal gibt es auch noch andere Farben“, womit sie Toni musterte, was diese genau registrierte.

„Sie wollten mich kennenlernen?“, fragte Toni und schaute im Klassenraum umher, wer alles schon dort war.

„Ja“,  antwortete die Direktorin, klatschte in die Hände und rief: „Aufbruch.“

„Soll ich auch etwas nehmen?“, bot Toni höflich an.

Ephania nickte den Schülerinnen und Schülern der Reihe nach zu, die bereits die Materialien einsammelten und antwortete: „Du musst nichts tragen, wir werden uns einfach ein wenig unterhalten.“

Toni blickte die Direktorin ausdruckslos an. Lieber hätte sie einen schweren Sack bekommen als sich unterhalten zu müssen, und dann vermeintlich auch noch über sich selbst. Das kam ihr nach dem Auftakt im Nachrichtenzimmer etwas viel vor.

„Okay“, rief Ephania, „dann mal los.“

Geduldig ließ Toni die SchülerInnen an sich vorüberziehen und wartete, bis die Direktorin die Tür geschlossen hatte und sich ihr wieder zuwandte.

„So“, atmete Ephania aus, „jetzt haben wir ein wenig Ruhe.“

Ruhe fand Toni durchaus schön, nur wenn sie erzählen musste, fühlte sie sich nicht wirklich ruhig. Kurz darauf spürte Toni den Arm der Direktorin um ihre Schulter gespannt, was ihr trotzdem nicht half, sich wohler zu fühlen.

„Woher kommst du denn?“, begann Ephania das vertrauliche Gespräch.

Natürlich hatten ihr die Drei schon einen Kurzabriss von Tonis Lebenslauf in die Hand gedrückt, den Ephania aufmerksam durchgegangen war.

„Wir sind arm“, begann Toni leise, was Ephania zu einem knappen „das waren wir alle, bevor wir hier hin gefunden haben“ quittierte.

Toni musste erleichtert auflachen, dann ging es ihr ähnlich wie den anderen. Doch es gab Unterschiede, die Ephania sehr schnell herausfand, wenn sie die Kinder ansah und ihnen Fragen stellte. Bei Toni konnte die Direktorin sehen, dass bestimmte Ebenen nicht exakt übereinander lagen, also so, wie die Drei das ursprünglich geplant hatten. Bei Toni betraf das in erster Linie ihre Selbstwahrnehmung und das Bewusstsein dafür, wo hinein sie geboren worden war. In kurzer Abfolge sah Ephania Tonis Ahnen vor sich auftauchen, die Kunstschaffende gewesen waren. Die hatten zu anderen Zeiten ordentlich Einfluss gehabt, was aber verspielt worden war, indem sämtliche Begabungen an die Gegenseite verkauft wurden, um Ruhm und Ehre zu erhalten, ohne einen Gott mit einzubeziehen. Der Terror hatte bei Tonis Familie so zugeschlagen, dass bei ihr alles ausgeblendet wurde, was diese prächtige und wohlhabende Familie einst ausgemacht hatte. Kurz sah Ephania ebenfalls die Brücke zu Ramon und seiner Familie vor ihrem geistigen Auge aufflackern, denn auch er glaubte, ähnlich wie Toni, alles in einem unendlichen Familienzwist über Generationen hinweg verloren zu haben, in dem überwiegend Gewalt weitergegeben worden war. Ephanias Aufgabe bestand unter anderem darin, diese Ebenen bei den Kindern jeweils zu ordnen und das  zurückzufordern, was Gott ihnen ursprünglich zugedacht hatte. Das ging selbstverständlich nicht ohne die Drei und in Jeschuas Namen, dem alles gehörte, wie im Himmel so auf Erden. Und wenn sämtliche Bindungen an die Gegenseite in diesen unsichtbaren Himmelswelten erst einmal gelöst worden waren, musste das Erbe wieder an die Kinder zurück gegeben werden. Das mochte Ephania sehr an ihrem Job, nicht jedoch die Schmerzen, die durch die Ebenen-Verschiebungen offenbar wurden, was den Kindern oft sehr zu schaffen machte. Bei Toni sah Ephania, dass die sich ihrer selbst angesichts des Schreckens, in dem sie sozusagen gefangen gehalten worden war, überhaupt nicht bewusst war. Toni hatte keine Ahnung, wer ihre Vorfahren und wer in Folge sie war. Das schien genauso verschüttet worden zu sein durch die Kriege, durch die ihre Familie hatte gehen müssen, wie durch den Terror, dem Toni als Kind innerhalb ihrer Familie ausgesetzt gewesen war. So nahm Ephania bei Toni erst einmal eine Form von Orientierungslosigkeit wahr, die mit ihrer Geschichte zusammenhing. Da Ephania das alles kannte, selbst durchschritten und erfolgreich gelöst hatte, fiel es ihr nicht schwer, das bei anderen ebenfalls zu bemerken. Ephania war schon als Kind sehr mutig und standfest gewesen, warum die Drei schließlich sie als Direktorin ausgesucht und ihr angetragen hatten, die Kinder anzuleiten, zu erkennen, welchen Weg sie bereits zurückgelegt hatten, welches ihre Talente waren und was ihr zukünftiger Weg sein sollte. Das erforderte Mut und Ausdauer, was nicht alle aufbrachten, sondern vorzeitig abbrachen, da ihnen das alles zu unübersichtlich, zu schwer und auch zu schmerzhaft vorkam. Je nachdem, welches Kind kam, wusste man also nie genau, wie weit es seinen vorgesehenen Weg meistern würde, was von zahlreichen Faktoren abhing,  warum es wichtig war, sie gut vorzubereiten, gut auszubilden und gut zu begleiten. Die Abenteuer, die alle so ersehnten, stellten sich das ein oder andere Mal als doch so groß dar, wie es manche Kinder nicht gewohnt waren oder es irgendwann nicht mehr wollten. Darum waren hier diese Freundschaften und Vertrauen in sich selbst wie auch in die anderen ausschlaggebend, dass die Unterrichtsstunden manchmal allein dazu genutzt wurden, die Kinder mit sich selbst, ihrem Weg und den anderen zu versöhnen. Dafür war Jeschua da, hier und natürlich dort unten auf der Erde, wo die Kinder eigentlich lebten. Dort, wo sie mit ihm wirken sollten, also an Orte zu gehen, an die wiederum andere Menschen nicht so gerne gingen, weil das jene oft mit etwas Unangenehmen in Verbindung brachten, was es oft genug auch war. Die Kunst Ephanias bestand darin, die Ebenen so zu öffnen und miteinander zu verbinden, dass die Kinder die höchste Ebene, also die der Drei, jederzeit auf die anderen Ebenen herunterziehen konnten, um genau das Ergebnis zu erzielen, das letztlich zu all dem Guten führte, was sein oder kommen sollte. Das alles erforderte sehr viel Zeit, Geduld, Vertrauen und einen langen Atem. Dass sich viele Menschen darum lieber anderen Angeboten öffneten, die diese guten Ergebnisse in kürzerer Zeit und ohne so viel Aufwand versprachen, war dabei fast schon vorgegeben. Nur hielten jene Ergebnisse oft nicht so lange an, wie die Menschen das erhofften, woraufhin sie die nächsten Angebote ausprobierten und in Kreisläufe gerieten, die sie schließlich zu ersticken drohten. Im Gegensatz dazu gab es hier oben einen soliden Aufbau, alles gründete auf Vertrauen und geschlossenen Freundschaften und das war etwas, was man üben musste. Jeden Tag wieder, vergleichbar mit Sportlern oder Kunstturnern, die jeden Tag Stunden investierten, um ihr Ziel schließlich zu erreichen. Turnen hatte Toni immer langweilig gefunden und Kunst schien ihr auch nicht wirklich erstrebenswert, womit sie die Ebene der absoluten Schönheit eigentlich schon verworfen hatte.

„Du hast mal eine Flasche angezündet, die wie eine Bombe hochgegangen ist, richtig?“, fragte Ephania unumwunden und blickte Toni von der Seite an, die ein wenig missmutig neben der anmutigen Frau einherschritt und sich selbst eher wie ein Trampel fühlte.

Kurz kam Toni aus dem Takt.

„Habe ich“, murmelte sie.

Vor der Direktorin war ihr das eher peinlich.

„Habe ich auch mal“, schmunzelte Ephania, was ihr Tonis Sympathie mit sofortiger Wirkung einbrachte.

„Au weia“, lachte Toni aus vollem Herzen und verstummte augenblicklich, als sie an die Bomben dachte, die sie im Nachrichtenzimmer gesehen hatte, was schließlich Menschen dahin gebracht hatte, alles zu verlieren. So wie es Said geschehen war.

„Tja“, machte Ephania, „Bomben sind auch keine Lösung.“

„Auch keine Lösung“, murmelte Toni bestätigend.

„Fühlst du dich denn im Internat wohl?“, wechselte Ephania das Thema.

Toni nickte.

„Und hast du auch schon Freunde gefunden?“

Toni huschte ein Strahlen über ihr Gesicht angesichts so vieler neuer Freunde, wie sie die zeitlebens nicht in ihrem Umkreis unten auf der Erde gefunden hatte.

„Ja“, lächelte sie und stapfte einfach weiter.

„Das freut mich“, entgegnete Ephania und blickte auf die anderen SchülerInnen, die vor ihnen herliefen.

Anscheinend kannten alle den Weg, nur sie nicht, dachte Toni.

„Du bist versiegelt“, tat Ephania unvermittelt kund.

Toni betrachtete die anmutige Frau von der Seite.

„Das Kreuz auf deiner Stirn“, nickte Ephania, „das Kreuz, mit dem dich Jeschua versiegelt hat.“

„Ach so“, lachte Toni kurz auf, „das sehen Sie?“, fragte sie dann doch verblüfft.

„Klar“, lächelte Ephania und zog sie kurz etwas näher an sich heran. „So was sieht man hier oben alles. Aber du sollst ja noch ganz andere Dinge sehen, hab ich recht?“, fragte sie.

„Ja“, murmelte Toni, der etwas schwindelig wurde, vielleicht auch, weil es steil nach oben ging.

Während sie Mühe hatte, einen Schritt vor den anderen zu setzen, sangen und pfiffen die anderen Kinder und legten die Strecke, wie Toni fand, mühelos zurück. Plötzlich fiel ihr Willi wieder ein.

„Wo ist Willi?“, fragte sie.

Ephania deutete auf ein Mädchen ungefähr zehn Meter vor ihnen.

Toni nickte.

„Es ist nur am Anfang so beschwerlich“, lächelte Ephania Toni an, „und wenn ihr erst mal tanzt, wirst du all die Schwere vergessen haben“, sprach ihr Ephania aufmunternd zu, die sich daran erinnerte, wie ihr Anfang gewesen war, während Toni überlegte, ob sie kundtun sollte, dass sie einfach nicht mehr konnte.

Dass sie es bis dort oben nicht schaffen würde, obwohl sie die Halle schon sah und auch die Ersten, die darin verschwanden.

„Du schaffst das“, hörte sie Ephanias wohltuende Stimme, „du schaffst das alles. Mit jedem Schritt wird es leichter werden, du wirst sehen.“

Inzwischen wurde Toni schon bei dem Wort ’sehen‘ schwindelig.

„Du hast ein reiches Erbe, Toni“, erklärte Ephania, als es dem Kind insgesamt zu viel wurde.

„Wir werden deine Schönheit und die deiner Familie, das reiche Erbe werden wir zurückholen“, fuhr Ephania fort. „Wir werden das alles in Jeschuas Namen einfordern, das wird gar nicht mal so schwer sein. Alles, was du tun musst, ist zu glauben, was du siehst. Wird schon“, tätschelte Ephania versöhnlich Tonis Arm, die am liebsten wieder in ihrem Bett gewesen wäre und sich tot gestellt hätte, als sämtliche Mühen auf sich zu nehmen.

„Das musst du nicht“, lachte Ephania lauthals los, die im Geist Gottes sehr gut und sehr schnell sehen konnte. „Die Schwere wird von dir weichen, noch ehe dieser Abend ganz vorüber ist“, sagte sie und ließ Toni los, die tapfer weiterstapfte.

Als Toni schließlich das Tor zur Halle erreicht hatte, wurde ihr für einen kurzen Augenblick bewusst, wer sie war. Königskind Toni. Königskind unter anderen, aber immerhin Tochter des Höchsten, der alles besaß, von was Menschen überhaupt nur träumen konnten. Und dann erinnerte sie sich an Abbas Worte, dass sie vorne stehen sollte. Doch schon beim ersten Schritt hinein bekam Toni kaum noch Luft. Das hier war kein Saal, das war nicht einmal eine Halle. Dies hier war eine riesige Kathedrale, wie Toni noch nie eine zu Gesicht bekommen hatte. Selbst die schönsten Bauten auf Erden, von denen sie Fotos gesehen hatte, kamen an diese Höhe, Weite, Pracht und Herrlichkeit nicht heran. Das alles war so überdimensioniert, dass aus Toni als Erstes herausschoss: „Aber hier ist doch schon alles geschmückt. Etwas so Prachtvolles habe ich ja noch nie gesehen.“

Ephania, die hinter Toni her geschritten war, musste lachen.

„Das ist die Anbetungshalle. Das ist das Höchste, wo wir zusammenstehen und feiern können.“

„Was genau ist das, anbeten?“, fragte Toni und musste Mund und Augen weit aufsperren, um irgendwie mit diesen riesigen Maßen und diesem Glanz klarzukommen.

„Das ist tief in deinem Herzen erkennen, dass es etwas oder jemanden gibt, der so viel größer ist als wir uns das jemals vorstellen könnten. Unsere Sinne können das in allen Ausmaßen gar nicht erfassen, aber das Gefühl transportiert schon sehr gut diese Erhabenheit und diesen vollkommenen Reichtum des Schöpfers, dem wir letztlich danken, für alles, was wir haben, was uns ausmacht und wovon wir Teil sein sollen“, antwortete Ephania ruhig.

Toni atmete langsam ein und wieder aus. Sie fühlte sich wie ein Mosaikstein in einem so großen Bild, das sie nicht fassen konnte.

„Deine Vorfahren waren sehr künstlerisch, wusstest du das?“, fragte Ephania.

Toni blickte sie mit großen Augen an. Immer, wenn sie eine Geschichte schrieb, belohnte ihre Familie sie höchstens mit einem Schulterzucken.

„Nein“, murmelte sie und blickte weiter umher.

Alles war vergoldet und mit Steinen in sämtlichen Farben geschmückt, die vor Toni so schillerten, dass ihr war, als sähe sie mehrdimensional. So einen Film konnte man gar nicht starten, dachte Toni und war froh, das alles selbst zu erleben. Erzählen oder beschreiben hätte sie das nicht können. Zudem sah Toni überall Engel, die mit ihren Flügeln unter anderem für einen guten Luftzug  sorgten. Andere standen vor, manche standen neben dem Altar und halfen den Kindern, die Dinge, die sie mitgebracht hatten, zu befestigen, was aussah wie leuchtende Girlanden. Auch die Band machte sich bereit, was über Lautsprecher vervielfältigt wurde und für ein buntes Ensemble aus Klängen sorgte. Die Sänger und Musiker trugen Headsets und irgendwo zwischen ihnen bemerkte Toni auch Miriam und Naomi, die an verschiedene Geräte angeschlossen wurden. Und sie sah Said mit ernstem Gesicht vor den Altar treten und mit einem der Engel sämtliche Gerätschaften sortieren.

„Was macht er da?“, fragte Toni.

„Er bringt Gegenstände in eine Reihenfolge, die ihr später nehmen und den Kindern überreichen werdet, die diese Dinge geschenkt bekommen“, erklärte die Direktorin.

„Aha“, nickte Toni, die so einem Fest noch nie beigewohnt hatte.

Alles hier war neu, nicht nur für Toni, sondern alles strahlte in einem Glanz, als sei es eben erst erschaffen worden.

„Du wirst es merken, Toni. In dem Moment, wo ihr etwas braucht, wirst du es sehen und dann auch nehmen können“, sprach ihr Ephania gut zu.

„Vom Altar“, versuchte sich Toni zu vergewissern, der das alles plötzlich nicht mehr real vorkam, weil es viel zu groß war.

„Du träumst nicht“, lachte Ephania, „auch wenn sich das manchmal so anfühlt. Du kannst im Übrigen nichts falsch machen, da Gottes Engel über allem wachen und auch auf euch schauen. Letztlich sind ja auch Jeschua und Ruach dabei, die ihr jederzeit bitten könnt, euch etwas zu erklären oder zu helfen.“

Toni nickte, obwohl ihr das alles immer noch nicht so ganz klar war. Wie zum Beispiel der Umstand, dass Jeschua hier mit ihnen und zur selben Zeit mit anderen an anderen Orten feierte.

„Das sind die Ebenen“, erläuterte Ephania. „Die Ebene der Drei steht über allem, darum können sie jederzeit überall sein. Und wir Menschenkinder können diese Ebene der Drei dann jeweils zu uns herunterholen.“

Als sie Tonis staunenden Blick auffing, musste die Direktorin lachen und fuhr fort: „Am Anfang ist das alles noch sehr verwirrend, aber mit der Zeit wird das selbstverständlicher werden, du wirst sehen“, erklärte sie, was Toni erneut taumeln ließ.

„Das ist so groß“, staunte Toni und sah Ephania aufmerksam an.

„Das ist es, Toni, aber das alles ist nicht zu groß für die Drei, denn die sind größer als alles, was wir uns überhaupt mit unserem Verstand vorstellen können. Wir tun das hier auch mit Ruach, dem Heiligen Geist Gottes, in dem wir sehen und verstehen können. Am wichtigsten aber ist es, sich wohlzufühlen und darauf zu vertrauen, dass dir jeder Schritt zur richtigen Zeit gezeigt oder kundgetan wird. Im Grunde musst du nur loslassen und einfach mit fließen, dann macht das sogar Spaß“, lächelte die Direktorin Toni an.

„Wie lange dauert das, bis ich das kann?“, fragte Toni.

„Nur so lange wie du brauchst“, entgegnete Ephania und verabschiedete sich mit einem: „Wir sehen uns später, ja?“, was Toni nickend bejahte und erst einmal nach Willi Ausschau hielt.

„Da bist du ja“, lächelte Willi ihre neue Freundin an, die Mühe hatte, das alles zu verarbeiten.

„Wie viele Feste hast du denn schon mitgemacht?“, fragte Toni.

Willi hielt in ihrer Tätigkeit inne und überlegte.

„Also, so zehn bestimmt“, antwortete sie nachdenklich.

Als sie Tonis fragenden Blick auffing, bestätigte Willi das, was ihr Ephania schon erklärt hatte: „Das macht Spaß, wirst sehen. Wenn du erst mal in der Stimmung und in allem drin bist, fließt einfach alles nur noch, wie Wasser. Das ist, als würdest du getragen, was sich sogar sehr lustig anfühlen kann“, grinste Willi, die diese Abende sehr mochte.

„Und was ist deine Aufgabe?“, fragte Toni weiter.

„Ich decke den Tisch, von dem wir zu Anfang nehmen, was wir Abendmahl nennen. Da denken wir daran, dass Jeschua alles für uns schon getragen und sozusagen bezahlt hat. Außerdem werden wir uns bewusst, dass wir weltweit sehr viele sind, die Jeschua glauben und mit ihnen auch verbunden sind, was ganz schön viel Kraft hat“, erklärte sie.

„Boh, Willi“, entfuhr es Toni, „das ist ja alles ganz schön viel.“

„Ja, das ist ganz schön viel“, bestätigte Willi, „aber so ist das nun mal mit den Dreien, die sind ja auch viele sozusagen. Und was die können, und dann noch zusammen, ist wie in Mathe exponentiell.“

„Au weia“, musste Toni endlich auch lachen, „ich hab Mathe ja noch nie kapiert.“

„Ach, Toni, das kann man alles doch auch gar nicht umfassend kapieren“, schmunzelte ihre neue Freundin. „Lass dich halt einfach ein bisschen in allem treiben. Das ist wirklich ein schönes Gefühl. Irgendwann willst du gar nicht mehr, dass das überhaupt noch aufhört. Und dann wirst du dich auf jede Party nur noch mehr freuen, denn das hier ist wirklich Party“, betonte Willi und kräuselte ihre Nase so lustig, dass Toni sie am liebsten umarmt hätte.

„Okay, richtige Party“, wiederholte Toni und griff wie Willi in die Kiste, aus der sie alles Mögliche für die lange Tafel heraus kramten.

Gedankenverloren machte Toni einfach mit, holte ein Stück nach dem anderen aus dem Gefäß, legte es auf den Tisch und sah manchmal dabei zu, wie jemand diesen Gegenstand seinerseits nahm und ein wenig weiterschob. Alles schien hier Hand in Hand zu gehen, ohne dass jemand ausgeflippt wäre oder rumgeschrieben hätte, wie es Toni sonst von Vorbereitungen kannte, die für sie auch darum oft genug nicht so schön gewesen waren, weil es ihr immer nur anstrengend vorgekommen war. Im Gegensatz dazu fügte sich hier alles in alles und jeder ebenfalls in alles. Was Toni ein wenig den Eindruck vermittelte, als sei hier wirklich alles möglich. Nach einiger Zeit merkte sie, wie es um sie herum ruhiger wurde und es schien, als sei alles gut vorbereitet. Willi hatte sie auch schon lange nicht mehr gesehen, dafür trat Said auf sie zu.

„Und?“, fragte er, „macht’s Spaß?“

Toni, die überhaupt nicht mehr nachdachte, nickte einfach nur.

„Komm“, sagte Said schließlich, „es wird Zeit. Wir stellen uns nach hinten, okay?“

„Okay“, murmelte Toni, die keine Ahnung hatte, was jetzt kommen sollte.

Doch schon hörte sie die ersten Klänge der Band und meinte schließlich auch, Naomis Stimme zu erkennen.

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