Kapitel im Zeichen der Selbstverherrlichung Roman von Isabelle Dreher

Im Zeichen der Selbstverherrlichung – Sommerröte

„Sehen Sie“, begann Frau Kalkstein.

Helena, die wirklich gut zuhören wollte, blickte auf den Mund der Frau und war einige Zeit damit beschäftigt, zu überlegen, woran sie dieses ‚Sehen Sie‘ erinnerte.

An Gott den Herrn, musste Helena plötzlich schmunzeln, was Frau Kalkstein deutlich irritierte, aber nicht davon abhielt, weitere Statistiken zu bemühen. Von Ziffern wurde Helena immer schwindelig, ob jetzt auf Konten oder in Untergliederungen. Eigentlich war ihr das alles schön egal. Eher hatte Helena gehofft, etwas über Menschen zu erfahren, nicht über Zahlen und deren Auslegung. Das fiel ihr bei Worten schon leichter, aber auch nicht bei allen, wie ihr erneut auffiel. Frau Kalkstein zitierte gerade die Vorsitzende einer international tätigen Hilfsorganisation, die behauptete, für minderjährige Kinder würden vier- bis fünfstellige Summen bezahlt. Insgesamt verdienten Menschenhändler weltweit 32 Milliarden US-Dollar im Jahr. Das Bundeskriminalamt wiederum hatte bekannt gegeben, dass sich in Deutschland seit 1999 die Zahl der Minderjährigen in Zwangsprostitution verdoppelt habe. Über die Hälfte derer, die Prostitution nicht freiwillig praktizierten, waren jünger als 21 Jahre.

„Eigentlich aber sind es die Religiösen, bitte nehmen Sie mir diesen Ausdruck nicht übel, ich glaube nicht an welchen Gott auch immer“, fuhr die Frau mit dem hübsch nachgezeichneten Mund fort, „die am deutlichsten über das Thema reden, weil sie meinen, dass Menschenhandel ein Teil von Satanismus ist, was gemeinhin völlig unterschätzt werde.“

Helena wurde kurz übel. Vermutlich nicht, weil sie schwanger war, und wenn, dann anders.

„Das ist die ‚Church of Satan’, also die Kirche des Satan, die ganz bewusst mit gängigen Moralvorstellungen brechen will. Brandenburg fällt derzeit damit auf“, fuhr Frau Kalkstein unbeirrt fort, als hielte sie einen Vortrag. „Also, ich glaube ja, Prostitution ist schon nicht wirklich schön, aber was da so über schwarze Messen erzählt und geschrieben wird, ist noch viel schlimmer“, schloss Frau Kalkstein und schob sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund.

Vielleicht auch um diesen schalen Beigeschmack loszuwerden.

Zu Hause schaute Helena Pfingstsonntag erst einmal nach, was Satanismus eigentlich hieß. Das sei eine Sammelbezeichnung für viele Kulte, fand sie geschrieben. Im Mittelpunkt stehe die Selbstverherrlichung des Menschen, sich wie Gott zu fühlen. Theoretische Grundlagen waren auf Okkultisten zurückzuführen, von denen Helena schon gehört hatte, und das unter anderem im Zusammenhang mit Tarot-Karten. Die hatte sie zum Glück bei ihren Kindern noch nicht gefunden, aber wenn, wusste sie ja, wo diese einzuordnen waren. Der Grundsatz des viel zitierten Okkultisten lautete: ‚Tu, was du willst, soll das ganze Gesetz sein‘. Da konnte ja nicht viel Gutes bei rauskommen, fand Helena, die ständig daran dachte, wie Kinder misshandelt wurden. Bei ihren Nachforschungen stieß sie zudem darauf, dass diese oftmals nächtlichen und im Verborgenen praktizierten Rituale auch sexuelle Misshandlungen und Opferkulte beinhalteten. Kinder wurden aus Pädophilen-Kreisen geliehen oder aus den eigenen Reihen an Pädophile vermietet, beziehungsweise verkauft. Sämtliche todbringende Elemente gab es obendrauf, wie Schmerz- und Ekeltraining, um die Hemmschwellen zu senken, schon von Kindern, die teilweise in diese Ideologie hineingeboren wurden.

Schwarze Messen dienten dazu, heilige Messen zu verunglimpfen und Einstiegswillige in den Kult einzuweihen. Tieropfer, Schnitte in Arme oder in den Genitalbereich, oft einhergehend mit Vergewaltigungen durch alle Männer der Gruppe, waren ebenfalls fester Bestandteil dieser dunklen Riten. Manche tranken auch Menschen- oder Tierblut, um geheime Kraft zu bekommen oder andere Mächte zu rufen. Es war klar, dass jemand nur unter Folter- und Todesandrohung aussteigen oder aussagen konnte. Frau Kalkstein hatte ihr erzählt, dass Kinderleichen gefunden wurden, die auf genau diese Rituale schließen ließen. Zur Church of Satan gehörten auch Bruderschaften, die ihre eigenen Namen hatten und teilweise von Atheisten geführt wurden. Die glaubten also an gar nix mehr, also noch nicht einmal an die Kraft des Bösen, dachte Helena. Und wer nicht an das Böse glaubte, würde es infolge schwer haben, an die Kraft des Guten zu glauben, fand sie. Freimaurer organisierten sich ebenfalls in so etwas wie Bruderschaften, nämlich in sogenannten Logen. Sie proklamierten fünf Grundideale: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Weltweit gab es geschätzte fünf Millionen Mitglieder in sämtlichen Ausprägungsformen, etwa drei Millionen von ihnen lebten in den USA, auf etwa 15.500 Mitglieder kam die Schätzung bezogen auf Deutschland. Hier wurden alle Schichten und Glaubensrichtungen aufgenommen, sofern sie sich der Gemeinschaft und deren Zielen unterwarfen, ein besserer Mensch werden zu wollen. Aus Steinmetzbruderschaften waren sie entstanden, sodass die wichtigsten Symbole einem Handwerks-Brauchtum entstammten wie Winkelmaß und Zirkel, rauer und kubischer Stein, aber auch Totenkopf und Pentagramm, dazu Licht, was für Wissen, Erkenntnis, Weisheit und das Gute im Menschen stand. Je nach Großloge bekannten sich viele zum Allmächtigen Baumeister aller Welten, einem Schöpfungsprinzip, von dem Helena überhaupt noch nichts gehört hatte. Sie fand eigentlich schon befremdlich genug, dass sie vom Affen abstammen sollte. Zu Beginn trafen sich traditionell Männer in Gasthäusern, 1717 wurde die erste Großloge in einem britischen Gasthaus gegründet. Die Mitglieder mieteten die hinteren Räumlichkeiten für Tempelarbeiten, um ungestört ihre Zeremonien abhalten zu können.

Die Tempelarbeit verfolgte das Ziel, dem Einzelnen durch überlieferte Methoden freimaurerische Werte zu vermitteln, wobei der Anspruch vorhanden war, Gefühl wie Verstand gleichermaßen anzusprechen. Es gab je nach Ländern unterschiedliche Grade, alle begannen beim Lehrling und führten über den Gesellen zum Meister. Der Lehrling wurde in Selbsterkenntnis geschult und bekam den Tempelbaustein der Humanität zugesprochen. Der Geselle übte sich mit dem kubischen Stein in Selbstdisziplin und der Meister schon überschaute seinen eigenen Lebensplan, was symbolisch mit einem Reißbrett verdeutlicht wurde. Zusätzlich gab es verschiedene Hochgradsysteme, jedenfalls wusste Helena aus ihrer Schulzeit doch noch so viel, als dass Mozart, Schiller und Goethe dieser Zunft zugesprochen wurden. Goethes ‚Faust‘ war wohl der bekannteste Klassiker. Darin verkaufte der gelangweilte Forscher Heinrich Faust gleich zu Anfang dem Teufel Mephisto seine Seele. Aber auch Mozarts ‚Zauberflöte‘, hieß es, sei nur so übersät von freimaurerischen Symbolen und Anspielungen, ebenso Lessings weit verbreitete und gerühmte Geschichte ‚Nathan der Weise‘. Johann Gottfried Herder und Goethe waren über dessen Ringparabel, da die Unterschiede der Religionen für nichtig erklärt wurden, voll des Lobes. Philosoph Herder wurde mit einem Satz von 1779 zitiert: „Ich sage Ihnen kein Lob über das Stück; das Werk lobt den Meister, und dies ist Manneswerk“, an was sich Goethe gleich anschloss, der fand: „Möge das darin ausgesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und wert bleiben!“

Sogar der 1712 im Berliner Stadtschloss geborene Friedrich der Große, der schwule Fritz, hatte eine Loge in seinem Schloss in Rheinsberg gegründet. Nach seiner Thronbesteigung 1740 führte der kinderlose König die Loge weiter und hielt ab Juni die erste Tempelarbeit ab, diesmal im Schloss Charlottenburg. Auch die Europäische Hymne ging auf Freimaurergedankenträger zurück, fand Helena bei ihren Recherchen. Die Hymne war eine Instrumentalfassung von Beethovens Hauptthema ‚Ode an die Freude‘ aus dem letzten Satz der neunten Sinfonie.  Diese Vertonung von Schillers Gedicht war 1955 vom Vorreiter der Europäischen Union, Freimaurer und Graf Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, als Hymne vorgeschlagen, vom Europarat 1972 angenommen und 1985 von den EU-Staats- und Regierungschefs offiziell bestätigt worden. Die Hymne symbolisiere nicht nur die Europäische Union, sondern auch Europa im weiteren Sinne, hieß es. Mit der Ode habe Schiller seine idealistische Vision zum Ausdruck gebracht, dass alle Menschen zu Brüdern werden könnten. Die vom Grafen entwickelten Gedanken infolge des Ersten Weltkrieges zu einem ‚Vereinigte Staaten von Europa‘ wiederum gingen 1946 in eine ‚Rede vor der akademischen Jugend‘ ein, die der langjährige Premierminister Großbritanniens, Winston Churchill, 1946 an der Uni Zürich hielt. Auch Churchill galt als Freimaurer. Diese Lesezirkel und gemeinsamen Salons der Freimaurer hatten wesentlich dazu beigetragen, die Ideale der Aufklärung Ende des 17. und 18. Jahrhunderts in Europa zu verbreiten. Ziel war es, den Menschen aus Unwissenheit, Furcht und Abhängigkeit zu befreien. Zum Leitspruch wurde 1784 Kants Zitat: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Im Zentrum stand also der Glaube an die Kraft der menschlichen Vernunft. Die geistige Bewegung der Aufklärung veränderte Denkweisen und Methoden in der Philosophie, in der Geschichtsschreibung und in den Naturwissenschaften und prägte Kunst, Literatur, Verfassung, Politik und Moral maßgeblich mit. Die Besinnung auf menschliche Vernunft als universale Urteilsinstanz stand dabei im Vordergrund, was hieß, mit Traditionen und althergebrachten Vorstellungen zu brechen und sich ganz der Wissenschaft zu verschreiben. Wer nun davon ausging, jeder Mensch sei von Natur aus frei und von niemandem abhängig, konnte die christliche Auffassung nicht teilen, dass nach Gottes Willen Obrigkeiten eingesetzt waren, denen man Folge zu leisten hatte.

Anstelle dieser übergeordneten Instanzen wurden Gemeinschaften als freie Zusammenschlüsse freier Individuen mit dem Ziel gegründet, den Einzelnen zu fördern. Nach dieser Idee gründete sich der Staat auf den Willen des Menschen, nicht auf Gott. Folglich durfte die Kirche dem Staat keine Aufgaben oder Zwecke mehr vorgeben. Damit wurde die Trennung von Kirche und Staat vorbereitet, die nach dem Ersten Weltkrieg durch Art. 137 der Weimarer Reichsverfassung vollzogen wurde. Ab da gab es keine Staatskirche mehr. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der eine solch einschneidende Zäsur war, dass Menschen neu nachzudenken begannen, forderten die beiden Vertreter der philosophischen Frankfurter Schule Max Horkheimer und Theodor Wiesengrund Adorno namentlich in ihrer ‚Dialektik der Aufklärung‘ 1947 allerdings zum Überdenken dieser Gedanken-Konstrukte auf. „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ Damit war wohl das Dritte Reich gemeint, das einen solchen Horror in die Welt gebracht hatte, dass die Enkel noch immer an diesem Vermächtnis zu knabbern hatten, wie Helena aufgrund ihrer eignen Geschichte fand. Also war der eigene Verstand wohl auch nicht die Instanz, die Freiheit oder Gerechtigkeit brachte, im Gegenteil, befand Helena.

Nach ihren Recherchen im Internet ging Helena einige Protokolle und Interviews durch, die Frau Kalkstein ihr mitgegeben hatte. Oft waren Menschen so enttäuscht vom Christentum und anderen Religionen gewesen, dass sie aufgrund der Widersprüche allem abgedankt hatten und nur noch daran glaubten, allein der Mensch könne die Lücke füllen, die die Abwesenheit eines Gottes schaffte. Das wiederum stach Helena als Widerspruch in die Augen, denn die Abwesenheit von Gott hieß für sie Hölle, also Satan. Ob man da jetzt Tier- oder Menschenblut opferte oder nicht, die Richtung schien Helena genau der ihren entgegengesetzt. Nach der Blut und -Boden-Ideologie der Nazis, einer auf Blut gegründeten Nation als Abstammungsgemeinschaft, hatte sie nachgeschaut, was in der Bibel über Blut stand. Hier sagte Gott, wie es Joa schon einmal vertont hatte, die Seele des Menschen liege im Blut und Gott selbst habe es für die gefallenen Menschenkinder auf den Altar gegeben, damit Sühne geleistet werden könne für die Seelen, „denn das Blut ist es, das Sühnung tut durch die Seele in ihm“. Etwas weiter stand: „Denn was die Seele alles Fleisches betrifft; sein Blut, das ist seine Seele.“ In diesem Augenblick war Helena doch lieber, dass Jesus ein für alle Male diese Frage am Kreuz gelöst hatte und Menschen eigentlich nicht weiter Blut vergießen, geschweige denn opfern mussten.

Auch der IS, schien Helena, opferte Menschen und Menschenblut einem Gott, der zumindest ihr nicht nahestand. Zudem überlegte sie, wie es sein konnte, dass 70 Jahre nach Nazideutschland auf demselben Grund und Boden Bordelle aus dem Boden schossen, die rechtlich einwandfrei zu sein schienen, aber Menschen zu Waren degradierten. Zwangsprostitution war zwar nicht erlaubt, geschweige denn die Sklaverei von Kindern, doch bei näherer Betrachtung konnte sich Helena des Eindrucks nicht erwehren, dass auch hier Menschen für die Bedürfnisse anderer geopfert wurden, die sich nahmen, wen und was sie wollten, wann sie wollten. Irgendwie kam es Helena so vor, als verschütte die Welt Blut von Millionen Menschen entweder im Namen eines ihr fremden Gottes oder opfere das Leben von Menschen dem eigenen Nutzen, ohne einen Gott überhaupt ins Spiel zu bringen.

Allerdings wusste Helena nicht, was sie schlimmer fand: Opferungen im Namen eines Gottes oder eine sadistische bis satanische Selbsterhöhung des Menschen in absoluter Abwesenheit eines Gottes. Waren denn nicht alle Menschen gleich? Gab es unterschiedliche Grade von Würde, die nach eigenem Maßstab und Menschenverstand vergeben wurden? Hatte das alles überhaupt noch mit einem gesunden Verstand zu tun oder drehte sie einfach nur angesichts so gebündelter und grauenvoller Nachrichten langsam durch? Wollte sie selbst überhaupt an einen gerechten und guten Gott glauben, nachdem Sex in einer Weise pervertiert wurde, was mit Liebe schlichtweg nichts mehr zu tun hatte, oder wurde einfach nur noch alles verhöhnt, was mit Gott zu tun hatte, wie auch immer der genannt oder ideologisch besetzt wurde? Lag vielleicht doch alles an einer umfassenden Abwesenheit von Liebe, die Gott zugeschrieben wurde?

Allein die Millionen Menschen, die derzeit vor Gewalt und Terror flohen, wie sollten die überhaupt an einen Gott, an etwas Gutes, geschweige denn an Gerechtigkeit glauben? Schwiegen schon wieder Mitbürger über Umstände, die eben doch nicht menschlich waren? Und setzte das alles erneut eine Vernichtungsmaschinerie in Gang, durch die sich wenige selbst verherrlichten und damit andere in eine Not brachten, die nicht nur materiell und körperlich war, sondern auch einen geistigen Brand in Gang setzte, der nichts anderes als Gewalt und Verzweiflung hervorbrachte? Zumindest konnte seelisch nicht mehr viel von all diesen Menschen übrigbleiben, die diesem flächendeckenden Grauen auf welche Weise auch immer ausgeliefert waren, fand Helena. In alledem – gab es da doch dies: „Mein Blut für euch vergossen“, wie es Jesus gesagt hatte, der Mensch gewordene Sohn Gottes?

Und wenn all das Leid an die Nachfahren weitergegeben wurde, wenn ganze Völker, Nationen, Familien und Einzelne beispielloser Gnadenlosigkeit ausgesetzt waren, brauchte dann nicht jeder diesen Christus oder war Selbsterlösung das alleinige Mittel westlich geprägter Menschen, die Wissenschaft und Vernunft in den Vordergrund hoben und – was taten – etwas Übergeordnetes leugnen? Lagen denn alle Verbindungen menschlichen Seins und Handelns so offenbar vor ihnen, dass eine Wunderwaffe bereits in Aussicht stand, all dem Leid wirklich Einhalt zu gebieten? Oder brachte das Menschen nur dazu, doch wieder wegzuschauen? War Deutschland wieder eine Nation, die nicht richtig hinsah? Die zwar zu diskutieren und zu reflektieren gelehrt worden war, aber nicht, schlichtes menschliches Mitgefühl zu empfinden und entsprechend zu handeln? Und was war mit ihr – tat sie das denn? Oder erging auch sie sich einfach nur in zahllosen Urteilen über dies und jenes, je nachdem, wie sie selbst aufgelegt war und was ihr gerade am nächsten stand. Wenn es eines Tages ihr Kind sein würde oder ein Kind, das Helena sein würde wie das ihre, was wäre dann? Würde sie aufstehen oder würde sie das ein oder andere Leid auch opfern, und zwar ihrer Bequemlichkeit, an die sie sich so schön gewöhnt hatte? Sie hatte dieses Land nicht aufgebaut. Sie war einfach nur hineingeboren worden. In Rechte und in Würde. Andererseits hatte sie selbst so viel Gewalt und Härte erfahren, dass sie diesen Jesus doch mal gerne kennenlernen wollte. Allein die Ungerechtigkeit um sie herum brachte Helena so zum Nachdenken, dass sie meinte, genug gelesen zu haben. Zumindest so viel, um zu verstehen, dass einige Mitbürger weder daran glaubten, Kinder würden ausgerechnet in Deutschland zwangsprostituiert, noch dass rituelle Vergewaltigungen von Kindern unter dem Mantel des Satanismus dazugehörten wie das Trinken von Blut, was Christen sinnbildlich mit Wein zum Abendmahl taten, um ihrer Erlösung zu gedenken und dass Gott eben nicht abwesend war.

In dieser Aufbruchsstimmung lief sie mitten in Joshua hinein, der sein Bier auf den Fliesen verschüttete, kurz fluchte und sich Hilfe suchend umbickte. Helena hatte sich so erschreckt, dass sie in schallendes Gelächter ausbrach, einen Lappen holte und den Gerstensaft aufwischte. Als sie wieder vor Joshua stand, fragte Helena, während sie sich eine Haarsträhne aus ihrem verschwitzten Gesicht strich: „Joshua, warum glaubst du eigentlich nicht an Jesus? Er war doch immerhin Jude.“

Joshua wandte sich von ihrem Gesicht wie von ihrer Siegesgewissheit ab, griff nach einem weiteren kühlen Bier, entkorkte es mit Gezische und antwortete: „Weil ich das so vermittelt bekommen habe.“

Damit lief er um Helena herum und hoch auf sein Zimmer.

Vermittelt, dachte Helena und musste erneut lachen. Jesus war die Vermittlung zwischen Gott und den Menschen in Person, aber niemand schien einem das schlüssig vermitteln zu können. Noch weniger, dass der Leib von Christen Tempel des Heiligen Geistes genannt wurde, wie es Paulus in einem Brief an die junge Christengemeinde in Korinth geschrieben hatte. Die hatten die Befriedigung durch Essen mit Sexualität auf eine Stufe gestellt und damit Prostitution zu einer erlaubten Befriedigung natürlicher Triebe erklärt. Paulus wiederum, ein griechischer Jude und gesetzestreuer Pharisäer mit römischem Bürgerrecht, der Anhänger des Christus so lange verfolgt hatte, bis ihm dieser leibhaftig erschienen war, erklärte, es sei überhaupt nicht egal, was mit diesen Leibern geschah. Jedenfalls konnte sich Helena inzwischen gut vorstellen, dass sich die Körper und Seelen derer miteinander verbanden, die miteinander schliefen. Und sie konnte sich vorstellen, dass es auch Freiern nicht nur guttat, mit gekauften Leibern Umgang zu pflegen, zumal diese menschlich betrachtet oftmals traumatisiert waren. Und das nicht nur durch den wiederholten Akt einer Form von Gewalt, wie es Helena erschien, sondern ebenfalls durch das Gefüge, in das die Menschenware eingelassen war. Wer, dachte Helena noch, als sie sich einen guten Rotwein einschenkte, meinte denn ernsthaft, dass Zuhältern an einem menschenwürdigen, dem freien Willen entsprechenden, also einem eher demokratischen Arbeitsklima gelegen war? Sie hätte ja gern mal das Leitbild oder die Philosophie solcher Bordelle gelesen. Und wer auf dieser Welt glaubte wirklich an das Märchen, dass Sexualdienste in Form von Flatrates das waren, was Menschen, jetzt mal ganz abgesehen von Minderjährigen, freiwillig als Verdienstquelle wählen würden?

Schon allein in diesem Sinne glaubte Helena lieber an ein Märchen, das Jesus Christus hieß. Der Reiter auf dem weißen Pferd, der Menschen rettete und in sein Königreich des Friedens, der Würde und der Versorgung führte, war ihr wesentlich sympathischer als der Machtkampf von Menschen darum, wer der Bessere war. Das ging ihr in dieser Ellenbogengesellschaft und dem Schulsystem, in das sie ihre Kinder eingeschleust hatte, wo Noten mehr zählten als Persönlichkeit, immer mehr gegen den Strich. Sie selbst hatte der Millionen wegen eine Privatschule besuchen können, bei der aber auch nicht alles Gold gewesen war, was glänzte, zumindest war noch der Ansatz verfolgt worden, aus ihnen selbstbewusste und starke Individuen zu machen, die auch mal aufstanden, um ihre Meinung zu sagen. Gut, bei der menschlichen Entstehungs- oder Evolutionsgeschichte war nicht unbedingt Widerspruch angesagt gewesen, aber immerhin hatte es das Fach Religion noch gegeben und war ihnen hier jemand vermittelt worden, der nicht nur als alter Mann mit weißem Bart geschildert wurde. Leider hatte die Schule irgendwann trotz reichster Schulkinder Konkurs anmelden müssen. Das aber, hatte Helena gefunden, war eher auf eine mangelnde Ideenfindung in Form eines der Zeit angemessenen pädagogischen Konzeptes zurückzuführen gewesen. Zumindest hatte diese Schule nicht auf ihre Fahnen geschrieben, die Elite von morgen auszubilden, denn wie jeder wusste, kam Hochmut vor dem Fall, was auch schon in der Bibel stand. Letztlich hatte eine der Schulen, die als das Vorzeige-Internat für Reformpädagogik hochgehalten worden war, 2015 Insolvenz angemeldet, nachdem ab Ende der 90er-Jahre immer mehr Missbrauchsfälle in die Öffentlichkeit gesickert waren.

Auch Joas Elite-Internat war von diesen Vorwürfen nicht frei gewesen, warum Helena Eliten mit einem besonderen Auge zu betrachten begann. Egal ob es sich um Menschen oder Institutionen handelte, die in den Himmel gelobt wurden, wie sehr stürzten die eines Tages auch wieder ab. Bei Stars konnte man das täglich in einschlägigen Boulevard-Formaten verfolgen. Sophie liebte diese Sendungen zwar, aber immerhin bestärkte sie Helena nicht darin, sich selbst als etwas Besseres zu sehen, ob jetzt mit oder ohne ‚von‘ im Titel. Wenn sie die Nazi- oder die Freimaurer-Geschichte durchging, gab es so viele ‚vons‘, dass Helena nach zwei Gläsern Wein geneigt gewesen wäre, ihren Titel in sozialistischem Sinne abzugeben.

Aber auch der Sozialismus schien ihr eher ein Deckmantel für Diktaturen, die ihre Gegner sofort entsorgten, immerhin ohne sie vorher in die Luft zu sprengen, jedenfalls nicht vor den Augen der Öffentlichkeit. Auch diese Terror-Freiwilligen, die sich selbst und damit andere in die Luft jagten, so hatte sie einem Bericht entnommen, waren auf Bruderschaften zurückgegangen, und zwar auf die Muslimischen Brüder, eine Massenbewegung, die 1928 in Ägypten gegründet worden war und sich rasch in der islamischen Welt verbreitet hatte. In einem Fernsehbericht war die These angeklungen, dass ehemalige Nazioberste jenen islamistischen Obersten einschlägige Terrorprinzipien vermittelt hatten. Der Tenor des Beitrages lautete, der ehemalige Naziterror sei in den Nahen Osten exportiert worden und der deutsche Terror inzwischen zu einem weltweiten Terrorismus angeschwollen. Nun strebten jene Terroristen nach einem Islamischen Staat, der ebenfalls gegen Juden gerichtet war und den Helena für ihre eigenen Kinder sicher nicht wollte. Nicht nach all dem, was sie durchgemacht hatte.

Aber auch die Ideologie von sozialistisch-kommunistisch geprägten Staaten, wo ein Gott gar nicht mehr vorkam, sorgte weltweit für Millionen Tote und eine Willkür, die Terrorstaaten in nichts nachstanden. Warum es menschenverachtenden Diktatoren heutzutage immer noch gelang, im Weltgefüge mitzuspielen, war Helena trotz guter Schulbildung und Aufklärung schleierhaft. Nach dem dritten Rotwein überlegte Helena, ob Bordelle nicht ebenfalls zu derartigen eigenständigen Gemeinschaften gehörten, bei denen nicht sicher war, wer jetzt die Aufsicht darüber führte und ob dort alles mit rechten oder rechtsstaatlich zu vereinbarenden Dingen zuging. An Menschenwürde war da in ihren Augen gar nicht erst zu denken. Warum kam das alles nicht endlich mal vor das Gericht für Menschenrechte, dachte Helena noch, als sie einen weiteren Schluck des Rotweins nahm, der ihr in diesem Augenblick mehr wie das symbolische Blut von Jesus Christus vorkam.

Dieses Konzept der Eigenermächtigung und Diktatur im strengsten Sinne des Wortes galt in Helenas Augen auch für religiöse Institutionen in Deutschland, die Hass auf andere Lebenskonzepte predigten. Und wer hielt da eigentlich die Hand drauf? Ein amerikanischer Präsident, oberste Religionsführer, Staatsoberhäupter, Ministerien oder der Verfassungsschutz? Und wer wollte nach dem Klimaschutzskandal eigentlich noch behaupten, dass dies nicht eine einzige Welt war, von der auch diese unglaublichen Flüchtlingsströme sprachen? Laut UNO-Flüchtlingshilfe waren 2015 über 65 Millionen Menschen auf der Flucht gewesen, wobei der Syrienkrieg mit 4,9 Millionen fliehenden Menschen ganz oben stand. In Folge des Ukrainekrieges einige Jahre später kämen weitere hinzu. Und um diese Menschen ging es auch in Deutschland. Wobei Helena zu keiner Zeit rechtsradikale Parolen verstanden hatte. Eher fragte sie sich, wie jemand, der alles hatte, besonders ein Sicherungssystem, das seinesgleichen suchte, nicht einer Politik zustimmen konnte, die geordnet, innerhalb Europas abgestimmt und angemessen kalkuliert, traumatisierte Menschen aufnahm?  Stattdessen, so schien es zumindest Helena nach drei Gläsern Wein, wurden jene verteufelt, als öffneten genau diese von Gewalt und Verfolgung gezeichneten und auf den Boden geworfenen Menschen einem Terror Tür und Tor, der eigentlich von einer anderen Seite ausgeübt wurde, nämlich von der Seite, die dafür verantwortlich war, dass überhaupt so viele Menschen alles verloren. Das waren Diktatoren, Terroristen, Extremisten und Fundamentalisten, die einen Gott verherrlichten, der mit Tod und Gewalt eins zu sein schien und nichts mit Menschen zu tun hatte, die schlicht und ergreifend leben wollten, mit oder ohne welche Religion auch immer. Oder ging es letztendlich eben doch immer nur um diesen einen Gott? Was Helena in jenem Moment empfand, den sie sich quer durchs Internet gelesen hatte, war Verzweiflung. Grenzenlose Verzweiflung angesichts so viel unbeschreiblichen Leids, gnadenloser Gewalt und Ideologien, die nur noch nach Vergeltung, Tod, Hass und Gnadenlosigkeit schrien. Aber da sie Zahlen ohnehin nicht viel abgewinnen konnte, mit denen diese Kriege und Gewalttaten illustriert wurden, würde sie sich auf das Nächstliegende konzentrieren, und das hieß: Lissy.

Auszüge aus ALLEN Geschichten

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